Wir verwenden Cookies, um sicherzustellen, dass Sie die beste Erfahrung auf unserer Webseite erhalten. Mit der Nutzung unserer Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr erfahren
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen
Impressionen

2008: Bolivien, Paraguay

Fotos von links oben nach rechts unten:
Rio Suapi in Bolivien, Iquazu Wasserfälle, Salar de Uyuni Bolivien, Laguna Colorado, Altiplano in Bolivien

Reiseroute

Bolivien, Paraguay - Santa Cruz - Tarija - Tupiza, Salar de Uyuni - Laguna Verde, Blanca y Colorado, Uyuni - La Paz - Rurrenabaque, Rio Quiquibey bis Bolson und Rio Suapi, Rurre, Rio Tuichi, San Rose de Uchupiamonas, Ixiamas, Everest, Puerto Motor, Rurre, San Bora, Trinidad, Santa Cruz, Samaipata; Paraguay: Asuncion, Cuidad del Este, Puerto Iquazu, Asunsion - Sao Paulo,Paris, Leipzig

24. Februrar 2008: Flamingos, Schnee und kein Ende 

...was soll man schon schreiben über einen Landstrich, der nur sprachlos macht. 1996 bin ich zum ersten Mal von Chile aus quer durch den wüsten südlichen Teil des bolivianischen Altiplano gefahren. Damals hatte der Fahrer nur eine Kassette - drei Tage lang "life ist life". Die Weite war unglaublich - eine Welt der unendlichen Wunder. Wir waren so winzig in diesem Nichts. Keine Kirchturmspitze am Horizont, keine Überlandleitung stört den Blick. Vor allem stellt man sich Wüsten immer als etwas Leeres und Ödes vor. Menschen leben noch immer sehr wenig in diesem Landstrich, trinkbares Wasser ist ein Luxus. Ab und an entdeckt man in den Ebenen die scheuen Vikunjas. Sie sind so zierlich wie unsere Rehe. Wegen ihres wertvollen dichten Fells wurden sie über Jahre erbarmungslos gejagt. Heute stehen sie unter strengem Schutz. Jetzt im Februar haben sie gerade Junge. Viskacha - Familien tummeln sich in vereinzelten Felsformationen. Sie erinnern in ihrem Verhalten an Erdmännchen -Kolonien. Im Umkreise der Lagunen jagen Andenfüchse unvorsichtige Flamingos. Also leer ist diese Hochwüste ganz und gar nicht.

Auch beim dritten Mal hält man immer wieder die Luft an vor Staunen. Jedes mal präsentiert sich die Wüste ein wenig anders geheimnisvoll. Was am ersten Tag noch als vegetationslose Ebenen, umgeben von Geröllgipfeln, in allen Tönen der Farbscala leuchtete(alle Rottöne, Grüntöne, Brauntöne usw.), war am zweiten Tag tatsächlich komplett von Schnee bedeckt. Jetzt wirkten die verstreuten "Felswälder" noch unwirklicher. Endlos scheinen sich diese Ebenen hinzuziehen. Dann plötzlich ändert sich das Bild. Eine der verstreut liegenden Lagunen taucht auf. Je nach Sonne und Wind ändern die Mineralien im Wasser die Farbe der Seen. An der "Laguna colorado" schauen wir gebannt zu. Am frühen Morgen ist es windstill. Die Schneegipfel spiegeln sich in der klaren Lagune. Man weiß nicht, was Original und Spiegelbild ist - so klar ist die Reflexion. Unzählige Flamingos stehen im nur 20 cm tiefen Wasser. Dann färbt sich mit steigender Sonne der erste Streifen des Sees rostrot. Der Farbton wird immer intensiver. Das Spiegelbild der Schneegipfel schimmert jetzt rostrot bis rosa - im Gegensatz zum weiß-blauen Original. Das ganze Schauspiel ist so unwirklich. Man kann sich kaum lösen. An der berühmten "laguna verde" an der chilenischen Grenze würden wir ohne Bedenken "pacha mama"( Mutter Erde) den letzten Kasten Bier opfern. Den ganzen Vormittag haben wir immer wieder den Himmel angefleht. Aber nach Hagelsturm kam Schneesturm und kein einziger Sonnestrahl linste durch die jagenden Wolken. Dann ist die Lagune farblos grau. Jetzt weht uns der Wind fast von den Füssen, aber die Sonne strahlt in der Höhe durch die Wolkenlöcher und der See zu unseren Füssen färbt sich türkisgrünblau. Je stärker Wind und Sonne, um so intensiver die Färbung. Über allem thront majestätisch der Vulkan Lincanabur. Auf dem Weg zum knapp 6000 m hohen Gipfel passiert man eine der höchsten Inkakultstätten. Heute liegt sie unter einer dicken Schneeschicht. Überall liegen Lavasteine herum, als ob ein Riese mit einem Salzstreuer hantiert hätte. Der Wind hat aus Felsformationen bizarre Figuren gefräst. Umgeben von Vulkanen ist dieser Teil des Altiplano eine recht unruhige Gegend. Einige der Vulkane sind noch aktiv. Bei klarem Wetter kann man dünne Rauchfahnen aufsteigen sehen. Heiße Quellen und Schlammgeysire zeugen vom umtriebigen Grummeln und Blubbern unter der dünnen Erdoberfläche. Ein Schauspiel für sich sind sicherlich die akrobatischen Darbietungen der sich ohne Kabine umziehenden (FKK unerprobten)Touris vor dem Bade. Der "Salar de uyuni", größter Salzsee der Erde, soll der letzte Höhepunkt unserer Runde sein. Leider steht er zur Zeit flächendeckend 30-50 cm unter Wasser und ist nur an ganz wenigen Stellen befahrbar. Die "Isla del pescador" mit ihren Riesenkakteen können wir deshalb nicht besuchen. Etwas enttäuscht quälen wir uns trotzdem zum Sonneaufgang aus dem Salzbett(neue Verdienstidee der Einheimischen - einfache Salzherbergen auf dem Festland). Etwa eine halbe Stunde fahren wir auf den Salar hinaus zum aus Umweltschutzgründen stillgelegten Salzhotel. Was wir dann zu sehen bekommen, übertrifft unsere Vorstellungskraft. Je höher die Sonne steigt desto mehr verschwinden die Grenzen zwischen Spiegelbild und Realität. Irgendwann gibt es kein Unten und Oben mehr. Das Wasser scheint oben und unten gleichermaßen zu sein - oder der Himmel. Wir waten durch das Salzwasser auf der Jagd nach immer verrückteren Motiven. Motive, die ja eigentlich aus dem Nichts bestehen. Dann kreuzen auch noch Ketten pinkfarbener fliegender Flamingos die unwirkliche Szenerie und alles gibt es zweimal.

Da Nebensaison ist, sind wir meist alleine in dieser unendlich geheimnisvollen Weite. Doch in dieser absoluten Stille wirken auch 10 Leute schon wie eine störende Menschenmasse. Der Tourismus hat stark zugenommen seit damals - 1996. In der Nebensaison sind pro Tag vielleicht 100 Leute unterwegs. Klingt wenig, aber die Jeeps scheinen alle die gleiche Route zu nehmen. Klopapiertrails sind an vielen der schönsten Stellen ein deutliches Zeichen für den Aufschwung. In der Hochsaison tummeln sich zehnmal so viele Touristen hier. Aber Bolivien bemüht sich. Statt der im Tiefland üblichen Generatoren mit Öl-Benzin-Gemisch nutzt man fast ausschließlich Sonnenenergie und auch in den neu entstandenen Unterkünften (in sicherer Entfernung der empfindlichen Lagunen) gibt's keine Wasser verschwendenden Duschen. Ein mutiger Schritt, denn die meisten Touristen verstehen ja doch nicht, warum es für die Umwelt lebensrettend ist drei Tage ohne Dusche(Duschabwasser) auszukommen. Das größte Problem sind wie immer die Toiletten. Es gibt sie - mit allen Öko-Raffinessen! Aber wie bring ich die Gringos und Latinos dazu, sie zu nutzen? Man braucht auch nicht mehr drei Tage "life ist life" hören. Die Fahrer haben selbstverständlich mp3 Adapter - Ilkas Kumpliation, Ska p, Helge Schneider, Lokalmatadore, Olympia 2000, " ... der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh..." - sagenhafte Landschaften erfordern sagenhafte Interpreten!

Viva la vida loca en bolivia

Obwohl wir schon seit Tagen jenseits der 3000 Höhenmeter unterwegs sind, kratzt es noch immer etwas im Hals. Unsere Gemütslage ist nicht besonders gut. Noch ist unklar ob unser Buschflieger nach Rurrenabaque auch wirklich abheben wird. Die Überschwemmungen im Departemento Beni haben gigantische Ausmaße angenommen. 50000 Familien sind bereits evakuiert worden. Der Regen und das Wasser im Tiefland sind zum Fürchten. 12:00 Uhr Mittags sollen wir im Büro von "Amaszonas" anrufen. 13:50 Uhr ist die geplante Abflugszeit. Wir haben noch etwas Zeit. Die Ilka geht in die Stadt Bücher tauschen und ich beantworte derweil einige E-Mails.

Für 12:00 Uhr verabreden wir uns in einem der zahlreichen "Punto Entel" in La Paz. Fünf nach Zwölf haben wir endlich den Chefmanager der Fluglinie an der Strippe. Verwundert über unseren späten Anruf erklärt er uns, dass unser Dschungelflieger vorverlegt worden ist. Startzeit jetzt 13:20 Uhr. Na prima! Mal was ganz neues...Natürlich sollen wir jetzt dringend schon 12:20, also in 15 Minuten, am Flughafen sein! 16 voll gestopfte Straßenkilometer sind es bis hinauf nach El Alto. Krempel zusammenschmeißen und Tschüss sagen im "Torino" schaffen wir in 10 Minuten. Nun ist nur noch das Taxiproblem zu lösen. Zum Glück erklärt der erstbeste anhaltende Senior Taxista von sich aus, dass er nicht nach oben fährt. Seiner Schrottkiste wäre vermutlich unterwegs die Luft ausgegangen. Wir bedanken uns für seine Ehrlichkeit. Das nächste Taxi und auch der Fahrer sehen da schon besser aus. Rapido, rapido der Choffeur holt alles aus seinem Karren heraus. 13:00 Uhr und zwei "trankas" später stehen wir in 4100 Meter Höhe auf dem Internationalen Airport von La Paz. Immer wieder beeindruckend ist die Armada von ausgemusterten Schrottfliegern am Rande der Rollbahn. Vor drei Wochen sind zwei Neue hinzugekommen: Eine Boing der LAB hat sich beim Notlandeversuch in der Nähe von Trinidad in den lehmigen Urwaldboden gebohrt. Eine Maschine von Aero Sur ist in La Paz über die Landebahn hinaus geschossen. Die Landebahn war mit Eis überzogen. Keiner hat das auf die Schnelle bemerkt. 16 - 17 jährige Militärs mit dümmlichen Gesichtern klettern im Fernsehbericht auf den zerbrochenen Rümpfen herum. So nah kommen sie wahrscheinlich in ihren Leben nie wieder an ein Flugzeug ran. Nachdem im letzten Jahr die TAM (Fluglinie der Militärs) alle eigenen Passagierflugzeuge verloren hatte, ist unsere "Amaszonas" Airline mit ihren zwei eigenen Zwanzigsitzern die Beste und vor allem die vollständigste Fluggesellschaft in Bolivien. Sechs weitere Passagiere nach Rurre haben schon eingecheckt. Der Flieger soll wohl wirklich starten. Unsere Rucksäcke sind viel zu schwer. Zusammen fast 60 Kilogramm. Wir erklären dem Schaltermann, dass wir das pure Gold in den mochilas haben. Er lässt sich erweichen und berechnet uns nur 9 Kilo Übergepäck. Das Kilo kostet sagenhafte 0,50 Eurocent. Schnell sollen wir machen, in 15 Minuten soll die Maschine starten! Das alte Gatewayfindingspiel, wie in Miami, fällt hier aus. Alles ist doch eher übersichtlich angelegt. Am Gate heißt es dann erstmal "Halt hier Stopp" Wieso? Der Flieger fliegt, wenn überhaupt erst 14:30 Uhr. 14:00 Uhr sollen wir wieder da sein. Draußen zieht inzwischen ein Gewitter auf. Gut, dann bleibt noch Zeit für einen Toilettengang. Die Klos sind leicht zu finden, es gibt im ganzen öffentlichen Flughafenbereich nur ein WC. Drei weiße, blank geputzte Schüsseln warten auf mich. Leider vertreibt mich die Lautsprecherdurchsage schon nach fünf Minuten von diesem sauberen Ort. Trotz Gewitter wäre der Flieger jetzt startklar. Also schnell zum Gate gewetzt..., jetzt sind wir schon im Innenbereich. Am Ende verzögert sich doch wieder alles. 15:20 Uhr laufen wir dann endlich über die Rollbahn. In der Abfertigungshalle diskutiert noch eine Gruppe Israelis mit dem Schaltermenschen. Sie dürfen nicht mit, obwohl die Maschine nur halb besetzt ist. Als Ilka den Piloten darauf anspricht, meint dieser, dass es Aufgrund der zu erwartenden Turbulenzen besser ist, nur mit einer zum Teil besetzten Maschine zu fliegen. Ob es stimmt, bleibt sein Geheimnis. (Weltreisende werden jetzt wissend nicken.) Fakt ist, dass wir mehrere Runden über La Paz drehen bis der Pilot eine geeignete Stelle findet um durch die Wolken und über die 6000er der Cordillera Real zu segeln. Unterwegs wird dann auch der Zielflughafen geändert. Statt in Rurre landen wir in Reyes. Das ist nicht weiter schlimm. Allerdings braucht der Klapperbus von Reyes für die Zwanzig Kilometer länger als der Flieger insgesamt in der Luft gewesen ist. Dafür haben wir die letzten zehn Flugminuten eine einzigartigen Blick auf das Pilon Lajas Gebiet gehabt. Wir sehen den Rio Quiquibey, den Beni, den Tuichi und die Balakerbe. Rurre hat uns wieder. Endlich!!

Das die Amaszonasairline die vollständigste Fluggesellschaft in Bolivien ist erwies sich auch als Irrtum. Am Rande der Buschpiste von Reyes steht die zweite Maschine. Eine Gruppe Ingeneros versuchte mit Händen und Füßen die Propellerblätter vom zweiten Motor zu richten. So wirklich gekonnt sah das nicht aus... Mit dem Dunkelwerden laufen wir zum Beni in eine der zahlreichen Fischkneipen. Unerwartet treffen wir Andy (unser Doktor). Beim Bier erzählt er uns mit leuchtenden Augen von den letzten drei Medizinbooten ins Pilon Lajas. Aber auch von den Dramen, die sich weiter unten am Beni im Hauptüberschwemmungsgebiet abspielen. Vielleicht lässt sich mit unserer finanzieller Unterstützung nach unserer Quiquibeytour noch ein weiteres Boot mit einem Ärzteteam organisieren... Am Abend flimmern im TV noch die Bolivien News: In Cochabamba hat es beim Zusammenbrechen mehrerer Stromleitungen einige Verletzte gegeben..., die Ursache: die Holzmasten waren von den Termiten zerfressen...

Die erste Reunion zur Medizinischen Versorgung am Rio Quiquibey haben wir hinter uns. Die Vorbereitungen (Medikamentenlisten, Boot, Benzin, Motor, Genehmigungen, usw.) laufen an. Am 10.03.08 wollen wir starten. Gleich im Anschluss an die Quiquibey Expedition planen wir noch eine weiter Reise. Eventuell direkt ins Überschwemmungsgebiet im Departemento Beni.

Neuer Geburtstag am 29.02.2008 – Manchmal hilft eben nur ein Schutzengel

29. Februar 2008 2:30 Uhr nachts irgendwo im Madidi-Nationalpark am Rio Arana. In Unterwäsche hocken wir noch reichlich verstört um die Feuerstelle. Torte versucht die Flammen wieder in Gang zu bringen, um wenigstens einen Teil unseres Nachtplatzes aus der Dunkelheit zu holen - für eine trügerische Sicherheit. Manchmal können ein paar Meter über Leben und Tot entscheiden?

Bis zum Start der heißen Organisationsphase für unsere Hilfsprojekte haben wir noch ein paar Tage Zeit. Die Vorgespräche sind geführt und der nächste offizielle Termin mit dem Bürgermeister in San Buenaventura steht für den 3. März an. In Anbetracht der derzeitigen Situation (starke Überschwemmungen, Notstand im Departmento Beni, 50000 obdachlose Familien) wollen wir unsere Medizinische Hilfe auf die Tacana-Gemeinde "San Jose de Uchupiamonas" ausweiten. Dafür benötigen wir natürlich wieder viele Genehmigungen?

Aber die nächsten 6 Tage wollen wir mit Mexicano erstmal in den Madidipark. Zu Fuß - ohne Balsafloss. Unser Zelt lassen wir mal lieber in Rurre, scheint ja schließlich eine Delikatesse für die Blattschneide-Ameisen zu sein! Außerdem ist man dem großen Krabbeln doch viel näher - nur mit einem Moskitonetz! Eine Klapperkiste bringt uns auf der Schlammpiste Richtung Ixiamas bis zum "Rio Maije". Unterwegs beeindrucken uns allerdings Vehikel, die den Namen Auto schon lange abgelegt haben - und sie bewegen sich doch! Natürlich hab ich mir für die Tour auch wieder ein modisches 1,50 Euro Hemd gekauft. Man schwitzt einfach eleganter damit, denn massiv schwitzen wir bereits nach den ersten paar Schritten, dabei geht's heute nur plano auf die Berge zu. Der erste Nachtplatz liegt am Rio. Statt 5 Minuten Zeltaufbau muss jetzt erstmal das Planen- und Moskitonetzgerüst konstruiert werden. Aber Torte wollte ja unbedingt eine eigene Machete. Jetzt kann er sie ausgiebig verwenden.
Eine Stunde dauert es dann schon, bis alles steht und entsprechende Stämme und Astgabeln behauen sind. Dabei handelt es sich nur um ein Gerüst. Aber da fehlt doch was? Mexicano hat die Unterlegplane vergessen und wir haben ein Doppelmoskitonetz. Das bekommt man nur mit Isomatten und Netz nicht dicht. Na prima, damit sind wir dann noch näher dran! Also ziehen die Boys noch mal los um riesige Palmwedel als Matratzen zu holen. Dann wird endlich gebadet und Kaffee getrunken und die Welt ist in Ordnung. Um uns platzt der Wald förmlich aus allen Nähten. Es wuchert und grünt.
Schmetterlinge stieben in bunten Wolken auseinander und alle Insekten der Selwa scheinen extra für uns ein Konzert zu geben. Mensch geht's uns gut!
Auch wenn wir jeden Abend ca. 2 Stunden brauchen, bis alles für die Nacht präpariert ist. Natürlich hat auch jeder Platz noch eine ganz spezielle Plage vorbereitet. Am ersten Abend wollen wir im Dunkeln gerade die Moskitonetze aufhängen(vorher wäre wegen der vielen Insekten unpraktisch), da entdecke ich doch, dass sich im Schein meiner Taschenlampe unsere Ökomatratzen, in handliche Stücke geschnippelt, wie von Geisterhand geführt Richtung Wald bewegen. Scheiß Blattschneideameisen! Dabei hatten wir doch alles kontrolliert. Der Plastikbeutel mit Reis wird ebenfalls bereits Korn für Korn unter das Ameisenvolk verteilt. Wir wehren uns mit kostbarem Kocherbenzin, das eigentlich für den Regennotfall gedacht war. Und wehe es sagt jetzt jemand was von "? die armen Tiere?" - oder so! Wir scheinen jedenfalls erstmal gewonnen zu haben und widmen uns der Pacha-Mama-Zeremonie.
Während wir Mutter Erde da so um eine glückliche Reise bitten, schleppen die Blattschneider doch tatsächlich vor unseren Augen die geopferten Cocablätter weg. Trotzdem bleibt der Rest der Nacht ruhig, nur vier/fünf unverbesserliche Krabbler irren durch meine Haare. Am Tag Nummer zwei schwitzen wir uns beim zweistündigen Steilanstieg literweise Wasser aus den Poren. Als Belohnung wartet ein luftiges Camp direkt auf dem Gipfelgrat auf die Extrem-Transpirierer. Wir haben Wasser, ein wenig Ausblick auf die Ebene, genug passendes Holz für unser Planengerüst, es weht ein kühles Lüftchen - und nach einer Stunde, als quasi alles fertig ist, werden wir von Armeen von Schweißbienen umschwärmt. Sie stechen nicht, sie übertragen auch keine Krankheiten aber sie kriechen in jede Öffnung. Es gibt sie in allen Größen, also auch für die kleinen Löcher. Erst in der Nacht können wir kochen und sollten morgen sehr zeitig verschwinden. Das tun wir dann auch denn eine Horde halbstarker Klammeraffen hat uns mehr als zeitig geweckt mit ihrem Gebrüll.
Die Plage der dritten Nacht lautet schwarze Ameisen. Aber da hat Mexicano dann doch die meisten auf sich gelenkt. Danke!

Für den 28. Februar wählen wir ein Camp in einem engen Tal, fast schon in einem Canyon. Das Wetter ist, wie auch die letzten Tage schon, bombastisch - kein Regen, nur Sonne. Es gibt keine Insektenwolken, weder stechend noch nicht stechend, ausreichend Wasser und ein ordentlicher Wind weht in den Baumwipfeln. Vielleicht trocknen ja heute sogar mal die Sachen? Was gut für unsere Sachen ist, ist nicht gut für Mexicanos Gemüt.
Schon am Nachmittag meint er, dass er Angst an diesem Platz habe. Die Urwaldriesen stehen alle am Steilhang und der Wind lässt die Kronen bedenklich schaukeln...

Die Nacht ist angenehm "kühl", trotzdem lese ich fast bis Mitternacht und auch Torte wirft sich neben mir von einer Seite zur anderen und kann nicht schlafen. Irgendwo am Hang tobt eine Horde Wildschweine seit geraumer Zeit durchs Unterholz. 200 Tiere schätzt Mexicano, das Leittier klappert furchteinflößend mit den Hauern. Sie müssen sehr nahe sein. Irgendeine Vogelart, die immer in der Nähe der Wildschweinhorden ist, macht gruslige Geräusche. Gerade so, als lässt man eine dünne Stahlplatte zwischen den Händen vibrieren. Die mysteriösen Vögel werden auch die "Guias de los chanchos" genannt. Auf Torstens Frage, weshalb ich nicht schlafen könne, antworte ich, der Wind sei komisch. Ein Moskitonetz ist eben nicht gerade eine Zeltwand. Das Feuer ist inzwischen verloschen. Ganz in der Nähe hat der Wind gerade eine große Frucht vom Baum gerissen. Sie prasselt neben uns durch Unterholz. Wir schrecken zum ersten Mal auf. Kurz danach vernehmen wir irgendwo über uns ein schlagendes Geräusch. Es klingt, als sei ein Ast abgebrochen und schlage gegen den Stamm. Es ist unheimlich...
Um uns ist es einfach nur schwarz. Fünf, sechs, sieben, acht oder auch zehnmal hören wir das Geräusch - dann ist Stille. Für einen kurzen Moment. Danach geht alles ganz schnell. Es kracht und prasselt direkt neben uns, oder über uns oder hinter uns?!? Das Krachen fährt durch Mark und Bein. Sekunden nur. Sofort registrieren wir, was passiert. Die Angst ist greifbar. Wohin? Wir sehen ja nicht, woher das Krachen kommt.
"Zusammen rollen!" ist alles, was ich rausbringe. Zusammengerollt wie Embryos werfen wir uns auf die Seite. Den Kopf schützen! DANN IST TOTENSTILLE.
Vollkommen verstört krabbeln wir unter unserer Plane hervor. Die Knie wackeln. Mit unseren Taschenlampen suchen wir die Umgebung ab. Ungläubig starren wir in den Lichtkegel. Fünf Meter vielleicht oder sechs - der Wind hat einen der Urwaldriesen zu Fall gebracht. Tortes erste verwirrte Worte: "Jetzt kann man den Mond sehen!". Ein großes Loch klafft im Blätterdach, aber mit unserem spärlichen Lichtstrahl können wir der Dunkelheit keine Details entlocken. Ist auch vollkommen unwichtig! Wir sind noch da! ? und sitzen in Unterwäsche 2:30 Uhr nachts im Dschungel, rauchen zur Beruhigung fürchterlich starke Casinos und zittern nicht nur wegen der Kälte. War's unser Schutzengel oder mein Talisman Bert oder Muttis alter Schuh? Verdammt knapp war es auf alle Fälle und beim nächsten Mal wissen wir wieder ein bisschen mehr. Auch Mexicano hat so etwas noch nie erlebt. Nach der überstandenen Flutwelle vor drei Jahren am Madidifluss, hatte er zu uns gesagt: " ? jetzt sind wir nicht nur Amigos, sondern ein Team". Jetzt sagt er: " ? ahora tienemos un dio y estamos una familia!". (Jetzt haben wir einen Gott und sind eine Familie!) Ich krieche wieder unters Moskitonetz und versuche mich auszuschalten. Denn nun folgt der Film im Kopf. Mein Gehirn malt sich alle möglichen Horrorszenarien aus. Eine der gruseligsten ist die Vorstellung zwar lebendig aber eingeklemmt zu sein und dann kommen die Ameisen? Schluss!

Am nächsten Morgen erst können wir die wirklichen Dimensionen erfassen. Ca. fünfzig Meter hoch war der Baum. Das schlagende Geräusch war das bersten der armdicken Wurzelstränge. Den Stamm können drei Leute gerade so umfassen ...

Torte klettert mit wackligen Beinen um den Urwaldriesen und schießt einige Fotos. Unser Planencamp daneben wirkt klein und zerbrechlich. Ohne unser frittiertes Frühstücksbrot verlassen wir diesen unheimlichen Ort.

Zwei Tage vorher hatten wir noch einen herrlichen Blick auf den Berg über uns. Mexicano hatte uns noch erklärt, dass der Berg bei den Tacana Indianern "El Brucho" (Der Hexer) genannt wird. Sobald Wolken oder Wind aufziehen, geht keiner mehr an die Hänge des Berges. Wir hatten schon etwas die Augen verdreht als Mexicano dem Berg seine zweite Opferzeremonie gewidmet hatte ...