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2007: Bolivien

Fotos von links oben nach rechts unten:
Tapir, Faultier, Jaguar, Tukan

Reiseroute

Bolivien - La Paz - Potosi - Tarija, Tarija - Potosi - La Paz - Rurrenabaque, Villa el Carmen, Nuevo Horizonte, Rio Quiquibey Dörfer und Weiher, Rio Suapi, Rio Quendece, Rio Tuichi, Charazani, Trek: Charazani - Pelechuco, La Paz - Cochabamba - Villa Tunari - Buena Vista, Trek NP Amboro (Cerro Amboro), Buena Vista, Santa Cruz, La Paz

März 2007: Rio Suapi (Pilon Lajas) 

Den 13.03.07 und den 14.03.07 verbringen wir mit der Organisation unserer Erkundungstour zum Rio Suapi. Primär wollen wir abklären, ob eine Auswilderung unserer Stationstiere in der Nähe eines Parkranger-Camps der Pilon Lajas Verwaltung möglich ist. Auf dem Weg dahin werden wir die Comunidad Charke (Motsetenes) besuchen, um Daten für die nächsten medizinischen Versorgungsfahrten im Mai 2007 und im Januar 2008 zu sammeln.

Weiter oben am Rio Beni, kurz vor den Stromschnellen an der Mündung des Rio Quedecke soll es noch eine weitere Familie geben ... Nicht zuletzt hoffen wir natürlich, trotz der Regenzeit, einige Tiere vor die Foto- und Kameralinsen in dieser menschenleeren Gegend zu bekommen.

In der Verwaltung des Madidinationalparks haben wir uns extra Permites besorgt, um in deren Gebiet am Rio Tuichi eine der lehmigen, Felswände mit unzähligen Nisthöhlen der Aras zu besuchen. Dort tummelt sich am frühen Morgen und am späten Nachmittag eine Vielzahl von Papageienarten. Wir sind gespannt ...

Vor unserer Abfahrt gehen noch einige Reuniones (Versammlungen) ins bolivianische Tiefland. Die Guardaparques (Parkranger) vom Pilon Lajas Gebiet stellen uns ihr zwölf Meter langes Holzboot samt Motor zur Verfügung. Wir und das Kamerateam vom MDR zahlen das Essen, 200 Liter Benzin und 10 Liter Motorenöl. Problematisch für die Organisation ist, dass sämtliche Ranger seit drei Monaten keinen Lohn bekommen haben. Ihr Motivation hält sich in Grenzen.

Als Marsello und ich mit dem parkeigenem Moped losziehen wollen, um deren zehn Liter Gasflasche, welche wir zum Kochen benötigen, aufzufüllen, geht erst mal gar nix. Im Moped fehlt der Sprit und die Parkverwaltung, die für 400.000 Hektar Urwald verantwortlich ist, hat keinen Peso um auch nur einen Liter Benzin zu kaufen. Bedeutet, wir müssen erst Sprit fürs Moped kaufen gehen um dann mit selbigen zur Gasflaschefüllstation fahren zu können.

Marsello vorn drauf, jeder Chica hinterher pfeifend, ich mit der schweren Buddle hinten auf dem Sozius. Nach einer halben Stunde Rumfahren steht fest, dass es in ganz Rurre kein Propangas zu kaufen gibt. Vielleicht ist der Propangas LKW im Schlammloch stecken geblieben. Das fehlende Gas befreit uns von unserem Kocherproblem. Ohne Gas brauchen wir auch keinen Kocher. Kochen wir eben über offenem Feuer. Somit brauchen wir nur noch zwei große Töpfe. "Kein Problem", wird uns gesagt. Am Abfahrtstag war dann natürlich nur ein Topf ohne Deckel mit an Bord ...

Inzwischen hat auch der Parkdirektor grünes Licht für unsere Erkundungstour gegeben. Eigentlich könnte es morgen losgehen, wenn da nicht der Rio Beni wäre. Der Fluss zeigt uns mit aller Macht wer der wahre Herr über die Abfahrtszeiten ist. In der berüchtigten Hafenkneipe Playa Azul werden die Tische noch oben geschafft und die Stühle oben drauf gestellt.

Der Fluss schwappt bis in die ersten Häuser am Ufer und führt wieder eine Menge an Treibholzinseln mit sich. Der Motorista, der schon unser Boot auf dem Quiquibey gesteuert hat, und auch wir sehen ein, dass ein Durchfahren der beiden Stromschnellen oberhalb von Rurre selbst mit den neuen Schwimmwesten zu riskant ist. Wir nutzen die Warterei, um einige Pfade rund um Rurre auf eigene Faust zu erkunden und schmieden wieder mal Pläne für die Zukunft.

Rurrenabaque 15.03.2007

Pünktlich zur vereinbarten Zeit sind wir am Fluss. Die Ranger samt Boot sind auch schon da. Uns freut es. "Hora de Alemania" hat doch noch ihren Wert. Das wir trotzdem erst 9:30 Uhr losfahren sollten, lag am Motor. Mindo, der in weißer Voraussicht, ob der Wassermassen, den großen 55 PS Motor ans Boot geschraubt hatte, merkte kurz vor der Abfahrt, dass einer der beiden Vergaser nicht funktioniert und der Motor nur noch halbe Leistung bringt. Mit 25 PS können wir den hier ca. 500 Meter breiten Strom kaum kreuzen.

Weiter oben, dort wo der Fluss sich auf 100 Meter Breite verengt und die so genannten Mörderstrudel lauern, würden wir nicht durchkommen. Nach Selbstbauversuchen schrauben wir dann den 40 PS Motor ans Boot. Endlich können wir starten. Der Motor schnurrt mit Vollgas durch die Stromschnellen. Das Boot schaukelt bedrohlich hin und her. Knapp schießen wir an einigen Felsen vorbei, überwinden die Stromschnellen und sind durch die beiden Bergketten durch. Jetzt wird's gemütlicher. Die Stimmung steigt bei allen merklich an. Wir sind unterwegs.

In Charke legen wir einen Zwischenstopp ein. Ilka schreibt die Einwohnerzahlen auf, getrennt nach Kindern und Erwachsenen. Das Dorf ist wenig organisiert, doch sauberer als einige andere am Quiquibey. In einer Hütte entdecken wir einen sieben Wochen alten Tigrecillio, eine Raubkatzenart. Ausgewachsen erreichen die Tier etwa die Größe eines Luchses. Die Dorfleute hatten seine Mutter erschossen, weil sie sich über die Hühner hergemacht hatte. Das Jungtier hat etwa die Größe einer Katze und faucht und beißt schon wie ein Großer. Schade, dass unsere Wildtierstation erst in ein paar Monaten Tiere aufnehmen kann. Das Junge hier hat kaum Überlebenschancen. Schon jetzt zeigt es seine Zähne. Falls es die nächsten beiden Monate überlebt, wird es für die Familie zur Gefahr werden ...

Wir fahren weiter. Flussschleife um Flussschleife ziehen wir unsere Bahn gegen die Strömung des Rio Beni. Die Urwaldlandschaft ist einzigartig. Das Flusstal mit all seinen Nebenflüssen ist riesig. Am Nachmittag erreichen wir den Außenposten der Parkverwaltung. Auf Grund des Geldmangels ist das Camp nicht besetzt. In der Regenzeit ist das nicht tragisch, kein Jäger oder Holzfäller würde sich von oben den Beni herunterwagen. Die vor uns liegende Bergkette ist sehr hoch. Die Wassermassen werden dort auf mehreren Kilometern bis auf 20 Meter zusammengepresst. Ein gigantischer Canyon. Am Ausgang jenes Canyon befindet sich hoch oben in den Felsen eine Höhle in der die seltenen Ölvögel leben. Bis dahin wollen wir gegen die Strömung in die enge Schlucht vordringen. Vorher versuchen wir unser Glück beim Fischen. Nebenbei beobachten wir am Ufer einen drei Meter langen Alligator. Er lässt sich von uns nicht aus der Ruhe bringen. Bis auf zwei Meter können wir uns nähern, dann gleitet er langsam ins Wasser.

Mindo bedeutet uns allen, dass wir Schwimmwesten anlegen sollen. Auch er zieht sich eine über, will heißen, es wird ernst! Die Backen voller Coca und eine der starken Casino Zigaretten im Mund, fahren wir in die Stromschnellen ein. Gleichzeitig beginnt es in Strömen zu regnen. Die Sicht wird durch Nebel und Wasserdunstschleier nicht gerade besser. Unser Boot schaukelt bedrohlich. Das Wasser ist noch glatt, aber rasend schnell. Strudellöcher öffnen und schließen sich um unser Boot. Wasserpilze mit bis zu drei Metern Durchmessern schießen in die Höhe. Aalglatte Felswände, an die hundert Meter hoch, liegen nur noch 20 Meter auseinander. Unser Motor läuft Volllast. Im Schneckentempo kommen wir gegen die Strömung voran. Ein Wenden des 12 Meter langen Bootes würde unweigerlich zum Kentern führen.

Mir ist schlecht ...! Endlich! Links oben im Fels befindet sich die düstere Höhle der Ölvögel (Guacharas). Auf der rechten Uferseite entdeckt Mindo eine kleine Felsausbuchtung. Zehn Sekunden des Querens der rasenden Fluten können ewig dauern. Die Rückströmung des Kehrwassers in der Felsbucht ist so stark, dass wir Mühe haben, das Boot überhaupt dort zu halten. Das Kehrwasser zieht und zerrt am Boot. Für die Guacharahöhle hat kaum einer von uns einen Blick übrig. Wir rauchen hastig eine Zigarette und wollen schnell wieder aus diesem Wasserinferno heraus. Ausfahren gegen die Strömung ist unmöglich. Wir müssen mit der Bootsspitze als erstes in die Abwärtsströmung ... Als wir mit voller Kraft ausfahren, werden wir im Bruchteil von Sekunden von der Strömung erfasst. Unser Boot kracht mit dem hinteren Drittel gegen die Felsen. Einige Seitenverstrebungen und ein Dachpfosten brechen wie Streichhölzer. In einer weiteren Zehntelsekunde sind wir am Felsen vorbei. Zum Glück schlagen wir nicht um! Nicht auszudenken, was dann passiert wäre.

Der Schreck oder besser der Schock sitzt uns in den Gliedern. Mindo schafft es, dass Boot in der Hauptströmung zu halten. Eine Minute später sind wir aus dem Canyon heraus. Das Boot hat schwere Blessuren erlitten, aber der Motor ist heil geblieben. An einem kleinen Seitenfluss legen wir an. Alle reden durcheinander. Langsam sinkt der Puls wieder. Die Angeln werden ausgepackt. Kaum ausgeworfen, gelingt mir, quasi als Ausgleich für den Schreck, ein dicker Fang. Ein 70 Zentimeter langer Cachorro (Raubfisch mit drei Zentimeter langen Nadelspitzen Zähnen)hängt am Haken. Erleichtert und zufrieden kehren wir in unser Camp zurück. Ilka kocht Nudeln mit Tomatensoße. Die Fische werden in Bananenblätter eingewickelt und im Rauch des Feuers geräuchert. Unser Nachtlager, der Dachboden der Hütte, wird derweil von hunderten Kakerlaken inspiziert. Ein Hoch auf den Erfinder des Moskitonetzes!

Ganz früh, kurz nach Sonnenaufgang, wollen wir am nächsten Morgen zur Salzlecke. Doch es regnet in Strömen. Die Wolken hängen tief. Im Wald wird es gar nicht richtig hell. Bei Regen kommen die Papageien nicht zum mineralienhaltigen Steilufer um zu fressen und die Salzlecke versinkt im Morast. Gegen Mittag scheint es etwas heller zu werden, irgendwo. Durch den vielen Regen wird immerhin der Rio Suapi befahrbar für unser Boot. Nach ein paar Flusswindungen entdecken wir ein illegales Touristencamparmento. Sie haben unter Planen hier übernachtet und einen neuen Pfad geschlagen. Welche Agentur dahinter steckt, wird wohl nie heraus kommen. Wir sammeln wenigstens den Müll ein. Es hört und hört nicht auf zu regnen. Unablässig trommelt der Regen aufs Blätterdach. Noch nicht mal die Fische haben heute Lust zu beißen, dafür die Moskitofliegen umso mehr.

Endlich, am Nachmittag steigen die Wolken ein wenig auf. Wir versuchen unser Glück an der Salzlecke. Die erste Herausforderung, das lehmige steile Ufer, hat sich in Schmierseife verwandelt. Wir legen einige Stunts hin. Schon nach zehn Minuten Handzeichen - Marcello hat was gehört. Jetzt hören wir es auch - im Unterholz schmatzt und grunzt eine undefinierbare Anzahl von Dschungelschweinen. Sehen können wir sie noch nicht, aber wer schon mal was über die Ausmaße solcher Schweinehorden (bis 250 Stück) gehört hat, bekommt spätestens jetzt eine ordentliche Gänsehaut. Wir schleichen weiter, wie man eben so schleicht mit Poncho und Wanderstiefeln. Wir nähern uns den Geräuschen. Ab und an huscht ein Schatten im Unterholz, ein paar Mal gibt es kurz den Blick auf ein paar Schweinenasen frei. Und dann plötzlich bricht es los. Vor und hinter uns rammelnd, grunzend und schnaufend Urwaldschweine durchs Gestrüpp.

Der Lärm fährt uns bis ins Mark. Was, wenn plötzlich hundert und mehr Schweine auf uns zu rasen? Wir sehen nichts, hören nur das Prasseln und Krachen der Äste. Dann macht die Horde wieder halt, neues Grunzen und Schmatzen. Schweine hören ist im dichten Dschungel beeindruckender als Schweine sehen. Die Salzlecke ist verlassen. In einer Senke haben Tapire, Pekaris u.v.m. eine richtige kleine Höhle in den Hang geleckt.

Wir warten eine Weile, müssen aber noch im Hellen zum Boot zurück. Auch abends beißen die Fische nicht, dafür regnet es nicht mehr. Vielleicht haben wir morgen mehr Glück!

Kurz nach sechs krabbeln wir aus den Moskitonetzen. Noch scheint die Sonne nicht, aber es ist trocken, zumindest für Urwaldverhältnisse. Wir fahren hinauf zu den lehmigen Steilufern. Bereits unterwegs grüßt der erste Alligator. Kapuzineraffen lärmen in den Uferbäumen. Nur von den Papageien lässt sich noch keiner blicken, um Lehmerde zu fressen. Dafür sammeln sich gegenüber unzählige Pauvas (sehen etwa aus wie Hühner oder Gänse) und eine Brüllaffenfamilie frühstückt seelenruhig im Geäst. Wir fahren hinüber, um besser beobachten zu können.

Plötzlich erheben sich alle Pauvas auf einmal und lassen sich gegenüber auf den lehmigen Wänden nieder. Jetzt kommen auch die ersten blau-gelben Aras und knabbern an der Erde - immer mehr grüne Loros folgen. Die Mineralien helfen ihnen bei der Verdauung. Gebannt schauen wir zu.

Zum Frühstück gibt's gebratene Bananen, Spiegelei und leicht grünes Brot. Wir haben uns inzwischen an den Schimmel gewöhnt. Der Wald schimmelt, unsere Sachen schimmeln, warum nicht auch das Brot.

Nach kurzem Aufstieg haben wir vom Steilufer aus einen herrlichen Ausblick auf den Fluss mit seinen vielen Seitenarmen, den Urwald und die Bergketten. Leider auch auf die dunklen Wolkenberge am Horizont. Egal, noch scheint die Sonne. Auf unserem Weg flussab halten wir zuerst bei jener einzeln wohnenden Familie. Vier lange Motorbootstunden wären es bis zum nächsten Dorf. Aber die Familie besitzt noch nicht mal ein Boot, geschweige denn einen Motor!

Die Mutter hat all ihre sechs Kinder alleine zur Welt gebracht. Letztes Jahr ist sie gestorben. Jetzt lebt der Vater alleine mit seiner Familie hier oben. Kein sauberes Wasser aber Reis, Bananen, Yucca, die Jagd, Fischen - sie hungern nicht wirklich und trotzdem ist die Situation beklemmend. Gerade gestern hatte der Älteste einen Affen, ein Weibchen, geschossen. Der gehäutete Oberkörper samt Kopf und "Händen" liegt in einer Schüssel. Auf der Bank darüber hockt auf dem Arm der ältesten Tochter das Jungtier. Klar schluckt man da erstmal. Aber erstens dürfen (und müssen) die indigenen Familien (nicht die Kolonos) für den Eigenbedarf im Schutzgebiet jagen. Es ist schließlich ihr Land. Zweitens ist Affenfleisch so normal wie bei uns Rind und Schwein. Wesentlich näher geht uns der gesundheitliche Zustand des Vaters. Beim Atmen rasselt es furchtbar, die Lunge scheint fast zu ertrinken. Stirbt er auch noch, stehen die Kinder alleine mitten im Urwald, ohne Boot. Wir packen alle überflüssigen Lebensmittel aus, mehr können wir nicht tun.

Beim Anreißen des Motors reißt plötzlich die Leine, allerdings innerhalb der Verkleidung. Gerade noch rechtzeitig hangeln wir nach den Schilfrohren am Ufer um nicht manövrierunfähig auf den Fluss hinaus zu treiben.

Eigentlich wäre alles ganz einfach: Ersatzschnur ist an Bord aber eben kein passender Schraubenschlüssel. Warum sollte man so was auch einpacken?! Nach den vergessenen Regenponchos, Macheten, Angeln u.ä., ist das eine weitere typische bolivianische Glanzleistung der Ranger. Wir lachen nur. Gemeinsam mit Mindo probieren wir es mit Franzosen, Kameratools, Essbesteck - man kommt an die Schrauben einfach nicht richtig ran. Bevor sie völlig abgerundet sind wird kurzerhand mit dem Schweizermesser vom Kameramann Uli das Stück Verdeck rausgesägt. Der Motor brummt wieder und wir legen ab.

Leider lassen wir mit jedem Flussmeter auch die Sonne hinter uns. Der Wind frischt auf, der Himmel wird schwarz und bald peitscht uns der Regen ins Gesicht. Durch den Fahrtwind hilft auch das kleine Dach nicht. Wir teilen unsere Regenponchos mit den Rangern. Das Wetter wird immer unsichtiger - gefährlich bei dem vielen Treibholz. An der Mündung des Tuichiflusses klart es kurz auf. Nach einer halben Stunde flussaufwärts glaubt Marcello den Pfad zum "Papageienfelsen" auszumachen. Knöcheltief waten wir durch den Schlamm. Bis gestern war hier alles noch überflutet. Dann stehen wir vor einer Art Amphitheater. Vor uns erhebt sich eine riesige Lehmwand mit unzähligen Nisthöhlen, hinter uns der Dschungel. Wir sitzen in der ersten Reihe, jetzt fehlen nur noch die berühmten Aras. In den Bäumen rundherum krakeelt es schon mächtig und endlich steuern zwei Rot-Blaue Prachtexemplare den Hang an. Was muss es für ein Schauspiel sein, wenn man wirklich morgens hier wartet um den Abflug zu beobachten! In Anbetracht des Wetters und des weiten Weges nach Rurre brechen wir auf.

Trotz Regen haben wir im Dschungel so viele Tiere gesehen. Der Außenposten Suapi an der Grenze des Pilon Lajas Schutzgebiet liegt wirklich in der Wildnis, weitab von jedem Dorf. Das gegenüberliegende Flussufer gehört zum Nationalpark Madidi. Der Landstrich ist also geeignet als letzte Station unserer Wiedereinwilderungsstation.

Februar 2007: Primäre in La Paz

Durch die Streiks der Mineros aus Potosi ist das Viertel um den Präsidentenpalast hermetisch vom Militär abgeschirmt. Schwer bewaffnete Soldaten stehen hinter Eisenbarrikaden. Unser Flughafentaxi setzt uns zwei Blöcke vom dem Hotel Torino entfernt ab. Den Rest müssen wir mit unserem schweren Gepäck laufen und dürfen in den inneren, menschenleeren Ring passieren. Jetzt wird nicht nur der Präsident Evo Morales bewacht, sondern auch wir. Sicherer geht es nicht. Die Streikenden (ca. 5000 Leute) verschaffen sich nicht nur durch die hier üblichen Böllerschüsse Gehör, sondern auch durch den Einsatz von Dynamitsprengladungen aus dem Bergbau.
Der Lärm ist ohrenbetäubend, gleicht Kanonenschlägen. Durch Unachtsamkeit oder auch gewollt gibt es dadurch auch Verletzte und Löscher in den Straßen. Am Abend meldet sich ein hoher bolivianischer Militär im Fernsehen zu Wort. Er meint, dass der Einsatz von Dynamit bei Protestkundgebungen eigentlich verboten sei, aber er auch keine Lösung sieht wie man der Sache habhaft werden könnte. Letztendlich machen das die Mineros bei ihren Streiks schon immer so, haben dementsprechend auch ein Gewohnheitsrecht. Am zweiten Protesttag sitzen die Streikenden und das Militär friedlich zusammen in den Garküchen an der Plaza San Fransisco. Es kommt zur Einigung. Nicht zuletzt wegen des bevorstehenden Karnevals, der regelmäßig ganz Bolivien für vier Wochen in einen Zustand der totalen Lähmung versetzt. Wer will da schon streiken?

Zwei Tage La Paz und eine zwanzigstündige Busfahrt nach Tarija ganz im Süden Boliviens liegen hinter uns. Die Piste war wieder Erwarten zum Teil betoniert. Nur wenige Stellen, an tiefen Abgründen entlang, sorgen für den typisch bolivianischen Nervenkitzel. In der Stadt des Weinanbaus kommen wir im Haus unseres Freundes und Beraters Stefan Rybak für sieben Tage unter. Wir leben bei seiner Familie, werden herzlich empfangen und umsorgt.

Täglich unternehmen wir Ausflüge in das hügelige, karge Bergland. Die Gespräche am Abend kreisen um unsere zukünftigen Projekte in der fast 1700 Kilometer entfernt liegenden Urwaldstadt Rurrenabaque. Das bringt uns nicht nur in Bezug auf unsere Vereinsangelegenheiten, sondern auch in unserem Verständnis für das Denken und Handeln der Bolivianer weiter. Viele Dinge werden uns Deutschen immer unverständlich bleiben, doch helfen uns die Diskussionen zu akzeptieren und zu tolerieren. Der Bus bringt uns am 17.02.06 über Potosi nach La Paz zurück. Am selben Tag erreichen wir Rurre nach einem 40 minütigen wackligen Flug mit dem Dschungelflieger der Fluggesellschaft Amazonas. Endlich sind wir da. Für uns ist es nach sechs Jahren Bolivien, wie nach hause zu kommen. Die drückende feuchte Hitze, der prasselnde Regen und der rasend schnell fließende, kaffeebraune Rio Beni.

Bei unserem ersten Rundgang durchs Dorf treffen wir auch gleich auf die uns so vertraut gewordenen Gesichter. Da ist Heinz, der seinen schon früh am morgen schwankenden Kumpel aus der Wäscherei abholt. Der Karneval hinterlässt seine Spuren nicht nur bei den Beiden. An der nächsten Ecke steht Tico, der Besitzer von Fluvial Tours. Tico war vor vielen Jahren an der Rettung des Israelis Yossi Ginsberg beteiligt und gilt als einer der Begründer des Tourismus in Rurre. Heut klagt er, das sich wegen der Regenzeit nur wenige Touristen hierher verirren. Die Straße nach La Paz ist kaum als solche zu bezeichnen und die Landepiste für die Buschflieger ist immer noch ein überschwemmungsgefährdetes Stück Wiese. Im Camillas, dem Frühstückslokal treffen wir Amalia. "Freudentränen" auf beiden Seiten ...

So geht es auch die nächsten Tage weiter. Langsam tasten wir uns an die vermeintlich wichtigen Leute heran. Versammlung (Reunion) folgt auf Versammlung. Diese haben im Allgemeinen nichts mit den kurzen auf einen Punkt ausgerichteten, zielorientierten Gesprächen dieser Art in Deutschland zu tun. In Bolivien mahlen die Mühlen langsamer. Nicht nur wegen des Klimas. Der Ablauf einer Reunion ist sehr ritualisiert und gleicht zum Teil einer Telenovella. Jeder stellt sich zu Beginn einer Reunion ausführlich vor. Alle freuen sich über unsere Absichten und Pläne. Leider wird dem Kern einer Reunion oft nur wenig Zeit eingeräumt. So kann es sein, dass wir wegen einer für uns einfachen Angelegenheit (z.B. Benzinkauf) zwei Stunden diskutieren. Zwei Stunden Reunion heißt aber auch, dass mindestens der halbe Tag vergeht, dann ist Siesta bis 16:00 Uhr ...

Trotzdem lernen wir durch die Reuniones viele Entscheidungsträger aus Rurrenabaque kennen.

  • Reunion Villa el Carmen: Medizinprojekt
  • Reunion Tres Palmas: Kunsthandwerksprojekt
  • Reunion Clinica del Beni: Neu Medizinprojekt (Bau von zwei Sanitätsposten)
  • Reunion Pilon Lajas: Neu Medizinprojekt am Quiquibey in Zusammenarbeit mit der Fundacion Medizinische Hilfe Bolivien
  • Reunion Wildtierstation: Neu

Gestern waren wir zum ersten Mal auf dem Stationsgelände. Wir sind beeindruckt und überwältigt von der Größe, den riesigen Bäumen und der unglaublichen Vielfalt der Pflanzen. Carlos, der uns das Land für die Station zur Verfügung stellt, betreibt dort schon einen Bioacker. Über 30 verschiedene Fruchtpflanzen gedeihen unter 80 Meter hohen Bäumen, ohne den Boden auszulaugen und den Primärurwald zu zerstören. Wir sind von der Nachhaltigkeit dieses Projektes der Wildtierstation restlos überzeugt. Der Direktor des Pilon Lajas Schutzgebietes sichert uns seine Hilfe zu. Zwei Ranger sollen uns bei Betriebsbeginn der Station unterstützen.

In der nächsten Woche werden alle Projekte erneut besucht. Wir entscheiden vor Ort, wie viel Geld wir in was investieren werden.

Unser Kamerateam, welches uns die kommenden vier Wochen begleitet steckt noch immer in La Paz fest. Wiedereinmal kann der Flieger wegen der Regenfälle nicht starten ...