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Reisebericht Madidi 2015

Mit Helene Fischer atemlos im Regenwald

Melvin hängt im Fluss an der linken Heckseite, umklammert den Motor und fleht  um Beistand. Torte stemmt sich gegen die Strömung und versucht den Bug irgendwie herunter zu drücken, zu zerren. Aber das 9 m lange Boot kippt immer weiter zur rechten Seite, die ersten Wellen schwappen bereits über! Ich klettere im Boot  auf die äußerste linke Bordwand – immer Melvin im Blick -  und versuch mich so schwer wie nur möglich zu machen. „Dios mio! Dios mio!“ so hab ich Melvin noch nie erlebt! Eine gefühlte Ewigkeit kämpfen wir so gegen Wind und Strömung. …dann richtet sich unser Boot ganz langsam wieder auf….Puh, das war knapp!

Nach gerademal 20 Minuten wäre beinahe alles vorbei gewesen. Nee, ertrunken wären wir nicht! Aber zu dritt hätten wir das gekenterte Boot nie wieder aufrichten können. Natürlich wären auch all unsere Sachen futsch, samt geliehenem Motor. Nicht lachen, aber wir haben wirklich kurz an unsere Allianz gedacht. Ab jetzt wird wieder ständig die Wassertiefe gecheckt. Weil an jener Stelle nämlich schon immer eine Durchfahrt  war, ist Melwin siegessicher auf eine Sandbank geschrammt wo früher ein „Kanal“ war. Im flachen Wasser kann der Motor nicht eingesetzt werden und bei dem Versuch, das Boot von Hand rauszuschieben, ist es quer zu Strömung und Wind gekommen. Einmal an gekantet haben sich unsere 800Liter Benzin(verteilt auf Fässer und Kanister) ebenfalls zur rechten Bordwand bewegt. So kann man auch Hochseefrachter kentern…. 

Jetzt bin ich natürlich am Grübeln, ob es schmeichelhaft ist, wenn am Ende mein Lebendgewicht auf dem linken Süllrand ausschlaggebend war?!? 

Zu dritt stemmen wir uns gegen den Flussgrund, ängstlich darauf bedacht, nicht wieder quer zu kommen. Dann haben wir den Motor frei, springen ins Boot und senden das inbrünstigste Stoßgebet des Universums an Pacha Mama! Ab jetzt wird’s hoffentlich wirklich die erhoffte chillige Tour. Torte und Melvin wechseln sich als Motoristas ab, ich bin hauptamtlicher Wasserschöpfer. Vier oder fünf Tage den Rio Beni runter und dann den Rio Madidi hinauf so lange das Benzin reicht. 20 Tage haben wir Zeit. So richtig weiß ich noch nicht, was ich da den ganzen Tag machen soll so ohne Paddel. Den Gedanken werde ich später noch bereuen. 

Obwohl von Flut keine Rede sein kann, stehen viele Gemeinden zum Teil oder völlig unter Wasser. Manche sind auf Zeit verlassen. In anderen Häusern halten die Familien aus. So lange das Bett noch über Wasser liegt, balanciert man auf Brettern zwischen Feuerstelle und Abort. Ich kapier einfach nicht, warum keiner weit und breit auf die Idee kommt, sein Haus auf Stelzen zu bauen, wie sonst in Amazonien üblich. So richtig kann es mir niemand erklären. Trotz widriger Umstände sind die Monate Januar und Februar sehr lukrativ. Es ist Castania-Zeit(Paranussernte), die Chance, Geld zu verdienen. Manche Familien sind mit Kind und Kegel tagelang unterwegs. Die holzigen Früchte sind in etwa so groß wie eine Kanonenkugel und schlagen entsprechend ein auf dem Boden. “Junge, hier is Helmpflicht!!!“  Jedes Jahr werden Sammler erschlagen. Die Bäume sind sehr hoch und man sollte sicher gehen, dass alle runter gefallen sind. Die kleineren Kinder und die Frauen sammeln die Nüsse zusammen. Mit geübten Machetenschlägen "köpft“  der Castaniero die Frucht. Will heißen, während Torsten mit 10 Schlägen das Ding zerhackt, benötigt der Auskenner zwei oder drei. Die Ikea schwitzt nach 20 Schlägen wie ein Schwein, belustigt die komplette Belegschaft und würde heute noch auf das Ding einhacken, wenn da nicht ein Glückstreffer gesessen hätte. Die vielleicht 20 Paranüsse im Inneren werden in Jutesäcke geschüttet. Jetzt geht die Plackerei erst richtig los. Auf dem Rücken oder per Stirnriemen muss die Ernte zum Fluss geschleppt werden. Dass gleichzeitig auch Moskito-Hochsaison ist, muss ich nicht extra erwähnen- oder?!? Jetzt versteh ich, warum im Studentenfutter  immer nur so wenig von den Dingern sind! Abenteuerlich zusammen gezimmerte Händlerboote kaufen die Ernte auf und bringen sie nach Riberalta zum Sortieren und Weiterverarbeiten. Obwohl wir die Arbeit nicht gerade beschleunigen sind wir wohl eine willkommene Abwechslung.

Nach 8 Tagen erreichen wir Campo Bravo am oberen Madidi. Hier lebt Mattheo nach wie vor mit seiner Familie als Selbstversorger mitten im Nirgendwo. Vor 2 Jahren waren sie nach fast 2 Wochen Paddelei für uns die ersten Menschen am Fluss, die dann auch noch deutsch sprechen. Man freut sich riesig über unseren Besuch. Inzwischen haben Mattheo und Tania 14 Kinder(1-23 Jahre)!!! Alles Blondköppe – wie die Orgelpfeifen. Charlotte gehört als Lehrerin quasi zur Familie. Vorsorglich hab ich Extrarationen Kaffee, Öl und Lakritze eingepackt und einen großen Sack Luftballons(Danke an die Ines! Der Begeisterung nach werden das mal alles AOK-Mitglieder.)So ganz hab ich immer noch nicht rausbekommen, welcher Glaubensgemeinschaft sie nun angehören. Gekleidet sind sie fast wie Mennoniten… Die gesamte Familie arbeitet hart. Jeder hat von klein auf seine Aufgaben. Ein Mindestalter für Machete, Axt und Co gibt es nicht. Alle sind ständig und nur barfuß unterwegs. Genau wie bei den Ureinwohnern hat sich deshalb der „große Onkel“ seitlich ausgestellt. Mit so breiten Füssen kann man gar nicht mehr  in einen Schuh passen. Ich finde Ihr Leben wirklich faszinierend. Es ist auch bewundernswert, was sie alles geschafft haben. Aber ich möchte so nicht leben. Schon alleine die Wäscheberge, die die Mädels jeden Tag bewältigen müssen mit Wassereimer, Seife und Bürste. Es sind täglich locker 3-4 Maschinen!!! Wir haben Glück. Übermorgen ist Vollmond. Seit ein paar Monaten feiern sie nicht mehr den wöchentlichen Sonntag als arbeitsfreien Tag, sondern begehen den Sabbat nach dem Mondkalender bei Vollmond, Neumond und Halbmond. Da wird nicht auf dem Feld gearbeitet, kein Holz gemacht, nicht gejagt oder gefischt, weder gewaschen noch gekocht. Der Vortag ist umso arbeitsintensiver. Melvin und Torte übernehmen mit den mittleren Jungs die Fisch- und Fleischbeschaffung. Ich schnipple Gemüse und verarbeite Kakaobohnen und Erdnüsse – alles aus eigener Ernte. Es soll morgen tatsächlich Brownes geben. Am Abend wird der große Backofen vorgeheizt. 4.00 Uhr in der früh beginnen die Frauen und Mädels mit den Backvorbereitungen. Auf dem großen Holztisch reiht sich am Ende Blech an Blech und Pfanne an Pfanne. Um 8.00 Uhr sitzen alle schwatzend im Schatten eines großen Mangobaumes um den Backofen. Dann geht es los: Bleche mit herzhaften Arepas(Maistortillas), Zimt- und Erdnusskringel, Maiskuchen, Nussecken und schließlich tiefbrauner Schokoladenkuchen. Wir sind vom Appetit der anderen wirklich beeindruckt! Ich kann noch nicht mal von allem kosten!!! Als letztes gehen die Pfannen mit Gemüse und Piranhas in den Ofen. Die gibt’s dann aber erst später – hoffe ich… Natürlich gehört auch die Andacht zum Sabbat und es wird gesungen, sich ausgeruht. Beeindruckend ist das Sprachgewirr. Alle – Kinder und Eltern -  sprechen sowohl Spanisch, Englisch als auch Deutsch, manchmal auch in einem Satz alles durcheinander. Als nächstes wollen sie hebräisch lernen, damit man nicht einrostet…

Ein Highlight für empfindliche Hintern ist mit Sicherheit das Plumpsklo. Nach langem hin und her probieren dienen getrocknete, entkörnerte Maiskolben zum Popo  abputzen. Ist wirklich wahr! … und es gibt keine Penaten Creme zum nachbehandeln…

Leider können wir nicht soweit weiter flussaufwärts vordringen wie geplant. Der Rio Madidi hat einfach zu viel Wasser in diesem Jahr. Aus unserem Plan, auf langen Sandbänken Tiere zu beobachten wird nix. Es sind einfach keine da, weder Sandbänke noch Tiere. Auch der Wald steht so weit unter Wasser, dass es schwierig wird, überhaupt eine trockene Stelle zum Übernachten zu finden. Immerhin, trifft man dann auf den entstandenen „Inseln“ schon mal einen Tapir nachts beim Pullern gehen. Wer auch immer dabei mehr erschreckt! Ein wenig enttäuscht kehren wir um. 2013 hatten wir einfach Glück, obwohl es dieselbe Zeit war.

Wir machen nochmal für eine Nacht bei Mattheo und Tania halt. Mal sehen, ob sie beim nächsten Mal noch alle beisammen hier sind, ob es überhaupt ein nächstes Mal gibt…

Eigentlich geht’s ja nun nur noch heimwärts, 2 Tage noch den Madidi runter und wieder 4-5 Tage den Beni rauf. Vielleicht gibt’s ja noch was Spannendes am Wegesrand und `ne Überraschung! Was Spannendes gibt’s am Heck. Wir haben ja extra einen gaaanz sparsamen Motor geliehen.  Leider gibt’s das Modell  in keinem der Dörfer  unterwegs  nochmal. Dann hat das gute Stück auch gaaaanz andere Zündkerzen als alle anderen und leider hat keiner darauf geachtet vorher. Melwin hat somit die falschen Ersatzkerzen und den falschen Kerzenschlüssel mit. Der Aus- und Einbau erfolgt also mit Hammer und Schraubenzieher. Aber es geht ja trotzdem. Für die Hochfahrt auf dem Beni bestellen wir per „Fischerpost“ über Radio(Funk) Ersatzkerzen. 

Beim nächsten Mal funktioniert allerdings die Wasserpumpe nicht mehr. Der Motor läuft also nach ein paar Minuten heiß. Da es flussabwärts geht und Melwin optimistisch ist ob seiner Mechaniker-Fähigkeiten fahren wir trotzdem erstmal los. Aber es hilft nix, wir müssen ein Stück trockenes Ufer finden, wo man den Motor auseinander bauen kann. Zurück kommen wir natürlich nicht mehr. Da hilft nun wirklich nur noch paddeln…ich wollte es ja so… Zwei Stunden später – Ernüchterung! Die Rosetta(so ´ne Art Hartgummizahnrad), welche durch schnelles Rotieren das Wasser „einsaugt“, hat kein einziges „Zähnchen“ mehr. Das war´s dann! Das Ersatzteil ist einfach zu speziell. Vielleicht kann uns ja in Esperanza(= Hoffnung) del Madidi jemand durch Zauberhand helfen. Bis dahin sind es allerdings 25 km – LUFTLINIE. Am Anfang guckt man nur aller ´ner halben Stunde aufs GPS, irgendwann aller Minuten. Der Madidi zieht riesige Schleifen. Statt weniger wird es wieder mehr. Unser Paddeln bringt bei dem schweren Boot eher wenig. Aber so hat man das Gefühl irgendetwas beeinflussen zu können. Nach 5 Stunden sind es nur noch 10 km –Freudentaumel und aufkommender Wahnsinn. Und genau in diesem Moment kramt Torte sein Handy aus der Kameratasche und es erschallt mitten im Regenwald Helene Fischer. Zuckende Finger stoßen in die feuchte, moskitogeschwängerte Luft, Melwin macht mit der Taschenlampe Diskolicht, Füße wippen und dann entlädt sich geballte Schlager-Power in den Urwald. …uns kennt ja hier keiner! Und außerdem reicht der Akku danach noch für einen Dropkick Murphys Song. Torte wird später behaupten, Frido hätte ihm das heimlich aufgespielt…

Kurz vorm Dunkelwerden erreichen wir tatsächlich Esperanza. Am nächsten Tag wollen wir irgendwas basteln! Am Morgen wird erstmal per Radio der Motorbesitzer angefunkt. Er hat tatsächlich eine nagelneue Ersatz-Rosetta. Die gibt er noch heute(vielleicht) einem Fischer mit, der auf alle Fälle(vielleicht) bis Santa Anita am Rio Beni fährt. Santa Anita liegt aber zwei Tage den Rio Beni flussaufwärts!?! Bis zur Mündung des Madidi in den Beni geht’s flussabwärts zur Not mit paddeln und dann – ADAC-Abschleppdienst? Wir brauchen irgendwas aus Gummi, wo man so ´ne blöde Rosetta draus schnitzen kann. Ein Prototyp aus der Sohle meines Flipflops gelingt ganz gut. Aber im Dorf hat einer ´nen alten Traktorreifen. Ich spar mal die abenteuerlichen Details der Produktion. Am Abend geht jedenfalls diese besch… Pumpe wieder!!!  Siegessicher stechen wir am Morgen in See. Der Motor surrt -  genau 11km Luftlinie – dann versagt das Provisorium und alle weiteren Versuche scheitern. Zum Glück haben wir vor zwei Jahren alle wichtigen Punkte eingespeichert. Noch 16km zeigt das GPS bis zur Mündung an – ok, bis dahin können wir paddeln – zur Not mit Helene! Gemeinden gibt’s keine mehr bis dahin. Aber dann? Alleine schaffen wir es nur flussabwärts, also in die entgegengesetzte Richtung, weiter weg von unserem Ersatzteil. Die schwierige Entscheidung wird und zum Glück abgenommen. Gerade an der Einmündung des Madidi in den Beni angekommen, hören wir ein Knattern. Am anderen Ufer schiebt sich ein Einbaum mit Peque Peque – Motor in Zeitlupe am Ufer entlang. Das ist unsere Chance! Vielleicht nimmt er uns bis zum ersten Dorf flussaufwärts mit. Jaaaa, sie schleppen uns tatsächlich bis Candelaria!!! Diese Zweitacktmotoren veranstalten einen Höllenlärm. Doch der klingt uns heute ausnahmsweise wie Musik in den Ohren. 12 Stunden schleppt uns ein anderes Boot am nächsten Tag gegen die Strömung nach St. Anita. Die Spannung steigt - ist der Fischer wirklich da? Hat er auch das richtige Teil mit? Hat er es überhaupt mit? Tatsächlich, ein einsames Boot vor einem Haus unter Wasser mit einem Päckchen für  uns.  Die bestellten Zündkerzen sind sogar auch dabei. Aber wirklich sicher sind wir erst, wenn das Ding eingebaut uns getestet ist. Reicht jetzt aber auch mit dem blöden Motor!

Am nächsten Mittag in einem kleinen Seitenflüsschen springt das Drecksding dann gar nicht mehr an. Die Stimmung im Boot in diesem Moment könnte man vorsichtig mit explosiv beschreiben. Was zum kaputt schlah´n wäre nicht schlecht… Die gute Nachricht: Es ist nur Wasser im Benzin. Die schlechte: Man hat uns am Madidi oben Benzin geklaut, 15 Liter und das Ganze mit Wasser ersetzt. Allerdings funktioniert der Betrug nur mit klarem Wasser. Das Flusswasser ist viel zu sedimenthaltig. Es gab nur einen Ort mit klarem Bach – „Mala Noche“(Schlechte Nacht). Benzin ist Gold wert am Fluss und der Name Programm. Jetzt müssen wir sehen, ob wir irgendwo welches geborgt kriegen, sonst reicht es womöglich nicht bis nach Rurrenabaque… 

Ich glaube, ich wusste schon, warum ich lieber ins Paddelboot wollte!!! … nach Masern und Pocken, den Fußballweltmeistern 2014 und dem Christentum haben wir Europäer nun auch noch Helene Fischer nach Südamerika gebracht – das habe ich nicht gewollt!

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