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2002: Peru, Brasilien, Bolivien

Fotos von links oben nach rechts unten:
Amazonasbecken; Ucayali-Shipiboindianer, Peru; Oase Huacachina, Peru; Nevado Chachani 60088m, Peru

Reiseroute

Peru, Brasilien, Bolivien - Huascaran, Nasca, Nevado Chachani 6075m, Colca Canyon, Puno, Cusco, LKW-Passage Urcos-Puerto Maldonado, Landweg: Assis Brasil-Cobija-Riberalta-Rurrenabaque, Madidiquelle-Balsafloß, La Paz, Titicacasee, Lima, Pucalpa-Rio Ucayali, Lima

Krokodile kommen nie aus dem Wasser 

Rurrenabaque, Bolivien 

In den letzten drei Tagen haben wir ganz Rurrenabaque auf der Suche nach zuverlässigen, ortskundigen Leuten auf den Kopf gestellt. Dabei kam uns die 152 Jahr Feier des Ortes zugute. Viele Goldsucher, Holzfäller und Indianer wollten sich dieses große Ereignis nicht entgehen lassen. Immer wieder werden uns zwei Namen genannt: "Mexicano und Pichucco". Wir begegnen ihnen beim Stierkampf auf dem Fußballplatz. "Ihr könnt euch glücklich schätzen, gerade uns getroffen zu haben", brüllt mir Pichuco ins Gesicht. Von seiner Alkoholfahne wird mir blümerant. Außerdem würden sie den Parque National Madidi kennen wie ihre eigene Westentasche. Allerdings ist das kaum vorstellbar. Umfasst er doch ein riesiges, artenreiches Gebiet mit einer Fläche von 1,8 Mio. Hektar. Im Norden befindet sich die Pampa, im Osten Tieflandregenwald, im Südwesten die Gletscher der Anden und dazwischen der Nebelwald der Andenabhänge. Fakt ist, dass sechzig Prozent der Fläche auch heute noch ein weißer Fleck auf der Landkarte sind. Schließlich werden wir uns einig. Die Beiden wollen sich auch um den Einkauf der Verpflegung kümmern - "?es hat schon viele Führer gegeben, die vom Essen der Fremden Probleme bekommen haben!". Mal ein ganz neuer Aspekt für die Rubrik "Gefahren und Ärgernisse" in den einschlägigen Reiseführern.

Pünktlich mit den Vorbereitungen setzt Dauerregen ein. 7:30 Uhr treffen wir uns am nächsten Morgen am Anleger. 7:30 Uhr "hora de alemana", das bedeutet soviel wie "deutsche Zeit" und spielt auf den deutschen Pünktlichkeitsdrang an. Je nach "hora de alemana" oder "hora de boliviano" weiß man dann, wie pünktlich es wirklich losgehen könnte. Im Transportwesen verschaffen sich clevere Ausrufer so echte Wettbewerbsvorteile.

Mit dem Boot fahren wir über den Rio Beni. Es regnet immer noch und der Fluss führt schon wieder ordentlich Wasser. Weiter geht's mit dem üblichen "Nahverkehrs-Jeep" in Richtung Ixiamas.

Eine Mitfahrerin hat ein Äffchen dabei. Ilka behauptet, dass es der erste Affe ist, den sie anfasst, außer mir natürlich - vereinendes Gelächter unter Frauen! Nach vier Stunden Fahrt halten wir an einem Flusslauf. Mexicano ist sehr erstaunt und witzelt über den hohen Wasserstand. Wenigstens hat der Regen aufgehört. Der Fluss heißt "Rio Teceche".

Beim Ausladen des Proviants fährt uns der Schreck in die Glieder. Unzählige Dosen und anderes mega-schweres Zeug kommt zum Vorschein. Die Krönung sind vier Stangen Zigaretten, eine Flasche 90 %er Alkohol, große Tüten mit massig Kokablättern und als Sahnehäubchen ein Kanister mit acht Litern Speiseöl! Das muss alles noch verpackt werden und wir waren so stolz auf unsere leeren Rucksäcke! Sogar die Schlafsäcke haben wir in Rurrenabaque gelassen. Die Beiden laden sich Unmengen auf, mehr als 30kg. Aber auch unsere Rucksäcke sind wieder randvoll. Damit sollen wir acht Stunden am Tag durchs Unterholz krauchen?!?! Da hilft nur viel essen. Nach einem strammen zweistündigen Fußmarsch endet der Tierpfad plötzlich direkt am Flussufer. Unser Lagerplatz liegt auf der anderen Seite. Das können die beiden jetzt doch wohl nicht ernst meinen! Das Wasser donnert mit einer ungeheuren Geschwindigkeit an uns vorbei. Auweia! Im Moment ist ein Queren unmöglich. Trotzdem müssen wir auf die andere Flussseite, wenn nicht heute, dann eben morgen. So bereiten wir, früher als gedacht, unseren ersten Lagerplatz mitten im Urwald vor. Auf einer ebenen Stelle wird alles Unterholz mit der Machete weg gehauen.

Aus einer Plane und langen dünnen Bäumchen bauen wir uns einen Unterstand. Unser Zelt kommt daneben. Fehlt nur noch Holz für die Kochstelle. In aller Ruhe bereiten wir das Abendessen vor. Eine Gruppe Leon-Affen schaut uns neugierig dabei zu. Hoffentlich regnet es über Nacht nicht. Morgen wollen wir unbedingt durch den Fluss.

Zu viert halten wir noch eine Opferzermonie für Pachamama ab. "Pachamama", die Mutter Erde, wird in ganz Südamerika trotz Christianisierung stark verehrt, ist sie doch die eigentliche Lebensspenderin. Bei Kerzenschein werden an einem Baum Cocablätter, Alkohol und Zigaretten für eine sichere Reise geopfert.

Noch vor dem Schlafengehen taucht das erste "wilde Tier" im Campamento auf, ein Iguati. Es ist ein Nagetier, so groß wie ein Frischling und sieht auch ungefähr so aus. Während wir aufgeregt mit dem Fotoapparat hantieren, frist sich eine Herde Blattschneideameisen diagonal durch unser Zelt. So eine Scheiße, im Boden und in der Gaze sind Fünfmarkstück große Löcher. Die wollten wohl ihren Bau mit Gazefenstern verschönern. Hektisch wuseln wir durch das Zelt. Aber die Biester sind gar nicht so leicht in die Flucht zu schlagen. Haben sie einmal zugepackt, reißt man ihnen eher den Kopf ab, als das sie wieder loslassen. Mitten im Getümmel, Ilka will gerade eine riesige schwarze Ameise wegschnipsen, klopft ihr Pichucco energisch auf die Finger. "No tocar!", "Nicht anfassen! - diese Ameisen wären extrem giftig. Drei Stiche bedeuten den Tod. Später zeigt er uns den Giftstachel am Hinterleib. Natürlich hat er auch gleich noch eine "Ameisenüberfall auf Menschen" - Geschichte a la Hitchcock zur Hand. Löcher im Zeltboden, Regenzeit und tagtäglich diese lustigen kleinen Anekdoten über giftige Insekten - jetzt muss Ilka mal ganz kurz hysterisch werden. Zum Glück sind Bäume geduldig und Pichucco und Mexicano verstehen kein Deutsch.

Wir verarzten das arme Zelt mit Tape aus unserem Sanizeug.

Die Ameisen sind zum Glück nicht zurückgekommen. Wir verbringen eine ruhige Nacht.

Am Morgen ist der Wasserstand im Fluss stark gesunken, also können wir weiter. Wir packen unsere Sachen zusammen.

Los geht's zum Ufer. Es ist zwar weniger Wasser im Fluss und mit dem Wildwasserkajak würde es sicher Spaß machen, aber mit den Monsterrucksäcken schwimmen? Ilka erinnert sich kurz an ihr Sicherheitsbewusstsein als Outdoortrainerin und grinst. Wir greifen uns jeder einen Stecken. Alles was nass wird kann man trocknen (trocknen sollten unsere Schuhe und Hosen die nächsten Wochen aber nie wirklich). Der Hüftgurt vom Rucksack bleibt offen, damit wir ihn zur Not schnell abwerfen können. Ab in die Fluten! Das schlammige Wasser ist hüfttief. Durch die Hauptströmung schaffen wir´s immer nur zu zweit. Ilka hat sich die Pocketkamera in den Ausschnitt geklemmt, um wenigstens ein paar Fotos von unserem Treiben zu schießen. Vor allem wartet sie natürlich darauf, dass ich stolpere. Aber wer zuletzt lacht, ...

Allmählich wird uns klar, dass wir die erste Zeit eine Art Canyon begehen werden. Ein ständiger Uferwechsel lässt sich nicht vermeiden. Felsen ragen bis zu zehn Meter in die Höhe. An anderen Stellen ist das Dickicht am Ufer undurchdringlich. Somit bleibt zum Laufen nur das Flussbett. Das Wasser geht teilweise bis über die Hüften. Die Strömung ist sehr stark. Die Steine im trüben Wasser erkennt man nicht, daher bringen sie uns ab und zu ganz schön aus dem Gleichgewicht. Normalerweise läuft hier kein Mensch durch, aber uns würde inzwischen was fehlen. Manchmal ist die Strömung so stark, dass wir Hilfe brauchen. Wildwasser der Stufe drei bis vier, bezeichnet wir das in Deutschland. In den Pausen naschen wir die grünen schotenartigen Früchte großer Bäume, die überall am Ufer wachsen. Man isst das süße fasrige weiße Fruchtfleisch der Schoten. Die großen schwarzen Kerne spucken wir im Wettbewerb aufs Wasser.

Allmählich wird das Gelände ruhiger, d.h. weniger Verblockungen, breiteres Wasser, dafür weniger tief und nicht mehr so schnell fließend. Es war gut, dass wir die Wanderschuhe anbehalten haben. Sie geben mehr halt als die Sandalen. Die Verletzungsgefahr ist geringer.

Das Tal verbreitert sich immer mehr. Große Schmetterlinge tanzen um uns herum. Wir sehen Spuren von Jaguaren und Tapiren. Nach sieben Stunden anstrengendem Fußmarsch finden wir einen geeigneten Nachtplatz. Als erstes gehen wir in einem schmalen Seitenfluss baden. Die Nachmittagssonne trocknet unsere Sachen ruckzuck. Da fühlt man sich doch gleich viel besser. Großen Unmut verbreiten allerdings Unmengen von Sandfliegen.

Über den Pass

Heute früh gibt es selbst gebackene Eierkuchen. Dafür also das viele Öl, außerdem hilft es beim Feuer entfachen im Regen. Das mitgebrachte Brot schimmelte wegen der Feuchtigkeit bereits am zweiten Tag. Über Mangelernährung können wir uns nicht beklagen Pichucco zaubert abwechselnd einen Nudel- oder Reistopf aufs Feuer. Der macht unheimlich satt aber? Manchmal darf Ilka trotz der gefährlichen ausländischen Küche mit an den "Herd". Später am Madidi können wir angeln und dann gibt's endlich Abwechslung!

Wir haben den Fluss inzwischen verlassen. Eine Bergkette versperrt den "Weg" zum Madidi. Ab jetzt geht's mitten durch den Urwald. Mit der Machete arbeiten wir uns bergauf. Immer wieder stolpern wir durch Sumpfgebiete oder Bäche. An einem alten Goldsuchercamp ist Mittagspause. Im Flüsschen stapeln sich hier neben Treibholz, auch bearbeitete Balken aus Zeiten als der Holzabbau hier noch florierte. Bald fängt es in Strömen an zu regnen.

Es dauert nicht lange und alles ist durchnässt. Hoffentlich sind wenigstens im Rucksack die Sachen trocken geblieben.

Unmengen von Wespen scheuchen wir auf dem Weg durchs Unterholz auf. Sie hängen zum Teil in Gruppen auf unseren nassen Sachen herum. Wir hatten heute schon mal das Vergnügen, als Mexikano in ein Wespennest getreten ist. Die Nacht wird sehr unruhig und wir frieren.

Bis zum Morgen ist kein Zentimeter unserer Kleidung getrocknet. Es regnet noch immer. Alles ist süffig und schon bald tauchen wieder Wespenhorden auf. Nichts wie weg hier.

Als der Urwald sich etwas lichtet verschwinden die Wespen und auch der Regen läst nach. Im wahrsten Sinne sind wir jetzt viel näher am Urwald dran, denn oft geht's nur auf allen Vieren durchs Unterholz. Dabei fasst man in Dinge? Besonders die Krabbeltierchen haben´s uns wieder angetan: riesige Tausendfüssler, Schlangen, Schnecken (eine reicht für eine komplette Mahlzeit), Taranteln und ihre Verwandten, Helikopter-Käfer und auch wieder Ameisen aller Art. Feuerameisen z. B. streift man sich gekonnt beim Durchtauchen unter Ästen in den Nacken und vollführt dann einen wilden Tanz. Größere Tiere sehen wir unterwegs nur selten, zu brachial brechen wir durch den Busch. Mit unserem Gepäck hat man zu dem nicht wirklich Muse zum Verharren und Anschleichen. Dafür bleibt abends in der Dämmerung Zeit. Auch wegen unserer untrainierten Augen bleibt uns Vieles verborgen. Anders dagegen Pichucco, der rennt förmlich durchs Gestrüpp und "sieht" selbst mit dem Hinterkopf noch die kleinste Bewegung. Interessante Pflanzen gibt es dafür massenweise. Erst nach einiger Übung können wir die wichtigsten auch selber bestimmen und wissen, wofür sie gut sind: Kautschuckbäume, Chinin, Curarepfeilgift u. v. m. Die Rinde des Knoblauchbaums nimmt man zum Einreiben gegen Mücken. Katzenkrallenlianen speichern literweise bestes Trinkwasser. Ein Busch, dessen Saft anästhesierend wirkt, vermittelt uns einige Zeit heimische Gefühle: das herrlich taube Gefühl im Mund beim Zahnarztbesuch. Ein wirklich kulinarischer Genuss sind allerdings die wenigsten Pflanzen, maximal die Kakaofrucht. Doch bald gibt's ja Fische und zur Not halten wir uns an die kleinen weißen Pilze, welche "bunte Bilder" im Kopf auslösen.

Nach zwei langen Tagen erreichen wir den Pass. Der Aufstieg war nicht sehr steil, aber ohne Machete ist nichts zu machen. Oben weht ein angenehmer Wind. Trotz der dicken Wolkendecke kann man in der Ferne das braune Wasser des Madidis schon erkennen.

Der Abstieg dagegen ist regelrecht gefährlich. Es ist ein stufiges, steiles Bachbett in Form eine Kerbe. Der Dauerregen lässt den Schlamm schön schmatzen. An der schmalsten Stelle natürlich hängt in Brusthöhe ein riesiges Wespennest an einem Ast. Eine heimtückische Falle!

Es gibt keinen anderen Weg. Wir müssen vorbei. Aber wie? Was macht der Survivalheld? Er holt seine große Dose Insektenspray aus der Tasche. Sprüht ins Nest, die Wespen steigen auf und wir rennen unten durch. Toller Trick! Wie kommt man nur auf so was?!

Allmählich wird unsere Kerbe breiter und entwickelt sich zu einem Fluss. Das heißt, wieder nasse Schuhe und Füße. Der Weg über das lose Gestein ist sehr anstrengend, die Oberschenkel fangen an zu flattern. In Sachsen, beim Klettern nennt man so was Nähmaschine. Aber heute Abend sind wir am Madidi. Die Gedanken an den fischreichen Fluss lassen die Schmerzen in den Füssen vergessen. Am Ufer sehen wir einen Fischotter. Auch wir probieren unser Angelglück. Schnell sind eine handvoll Köderfische gefangen.

Die Sonne macht es hell hinter den Wolken. Während ich ein Stück vorneweg laufe, entdecke ich einen Affen und einen Truthahn in den Bäumen. Überraschend schnell finden wir heute einen geeigneten Lagerplatz. Wir lassen unsere Rucksäcke stehen und gehen fischen. Das Angelritual wird in den nächsten Tagen immer das Gleiche sein. Die Angel besteht aus dem Haken und Angelsehne, die auf ein Stück Holz gewickelt ist. Als erstes schlägt man mit der Machete ein Stück vom zwei bis drei Meter hohem Schilfrohr ab. In jedem Segment wohnt mindesten eine dicke Made. Zehn Maden allein würden auch schon für ein Essen reichen. Aber wir wollen ja große Fische fangen. Die Made dient nun als Köder für den Köderfisch. Das dauert höchsten fünf Minuten, selbst für den ungeübten Angler. Der Köderfisch, meist ein kleiner Wels, kommt nun seinerseits an einen wirklich großen Haken. Meinen ersten Katzenfisch hatte ich nach weiteren fünf Minuten gefangen, zwölf Kilo schwer und 1,30 Meter lang. Der hat mir mit seiner messerscharfen Rückenflosse glatt die Hose im Schritt zerschnitten. Ilka ist froh, dass ich keine eng anliegenden Hosen trage. Wir freuen uns auf das Abendbrot. Zwei Riesenfische sind unsere Ausbeute!

Da uns das Wetter hold ist, starten wir außerdem wiedermal Trockenversuche am Feuer. Gegen 20:00 Uhr schleichen wir zum Tiere gucken. Ein Tapir antwortet auf die Pfeifgeräusche von Pichucco, aber näher kommen will er nicht. Na gut, wir haben ja noch Zeit.

In der zweiten Nachthälfte regnet es wieder stärker.

Das Floß

Der Wasserstand im Madidi ist über Nacht um einen Meter angestiegen. So erreichen wir schon nach einer Stunde Fußmarsch eine geeignete Floßbaustelle. Das Balsaholz steht in unmittelbarer Flussnähe. Balsa ist ein sehr leichtes Holz, wächst schnell und saugt sich nicht so schnell mit Wasser voll. Acht möglichst gerade Stämme werden mit der Machete abgeschlagen. Danach zieht man die Rinde vom Stamm. Die fünf Meter langen Stämme zum Fluss zu tragen, ist für uns die schweißtreibendste Arbeit. Direkt im Wasser wird montiert. Zum Zusammenbinden verwendet man lange Faserstränge, die Rinde sehr junger Balsabäume. Feuchtgehalten bleiben sie elastisch. Bündelweise haben wir sie von jetzt an immer für Reparaturen dabei. Nägel oder Seil gibt es nicht. Unser Vorschlag, Paddel zu bauen wird abgelehnt. Mit dünnen Stangen soll gesteuert und gepaddelt werden. Wir sind skeptisch, immerhin wird der Madidi weiter unten zum richtigen Regenwaldfluss, also tief und schnell und kurvenreich. Außerdem sind die Stangen so schwer, dass sie untergehen. Wir müssen demnach immer Ersatz auf dem Floß haben.

Das Floß ist gegen Abend fertig und sieht nach nassen Füssen aus. Wenn es doch wenigstens das Wetter besser meinte! Einmal aufwachen und Sonne! Seit wir im Tiefland sind regnet es fast täglich.

In der Dämmerung ziehen wir wieder los. Ein Tapir antwortet heute Nacht nicht, dafür ein Jaguar. Erst sehen wir seine Augen im Schein der Taschenlampe glühen, dann läst er noch ein Fauchen vernehmen. Kaimane gibt es hier, im noch flachen und schnell fliesenden Madidi, noch nicht.

Sensationeller Weise scheint am Morgen darauf die Sonne. Wir können sogar unser Zelt trockenen! Wir freuen uns auf einen Tag ohne marschieren!

Dann, gegen 10:00 Uhr geht es los mit der Flößerei. Mexicano und Pichucco staken als erstes und wir sitzen wie die Mega-Scheichs in der Mitte auf dem Gepäcktisch. Es kostet viel Kraft das Floß über die vielen flachen Stellen zu schieben.

Wird es tiefer, muss gestakt werden. Paddel wären schon besser für uns. Einmal kentert das Floß und hängt in der Hauptströmung quer vor einem Stein. Ab und zu hält man echt die Luft an! Über die Kraftakte der Zwei kann man nur staunen. Echte "stunts" gibt es immer, wenn sich die Stangen beim Staken verkeilen und der Unglückliche wie ein Stabhochspringer an den anderen vorbei nach vorn schnippst.

Es scheint wirklich die ganze Zeit die Sonne. Wir können in Ruhe schauen: Aras, Kormorane, Papageien, Störche, Ibise ...

17:00 Uhr sind wir immer noch auf dem Wasser und jetzt regnet es natürlich wieder.

Es dauert eine Weile, bis wir einen geeigneten Platz zum Anlanden gefunden haben. Unsere Begleiter kümmern sich um den Campaufbau. Nicht weit von unserem Lagerplatz tobt eine Horde Spidermonkeys durch die Baumriesen. Ich muss unbedingt fotografieren. Also bekommt Ilka die Angel in die Hand gedrückt. Sie angelt zum ersten Mal!

Und da Frauen nun mal eh alles besser können, fängt sie natürlich den größten Baku, den ich je gesehen habe, nachdem ihr Gequieke uns alle zum Ufer hat rennen lassen. Sprüche klopfend hüpft sie beim Ausnehmen um uns drei Männer herum. Da wollte sie dann doch nicht mehr ran. 15 geschätzte Kilo bringt er auf die Waage. Sein Gebiss sieht furchterregend aus. Auf dem Grill erinnert er eher an ein Spanferkel. Wir räuchern einen Teil als Proviant für die nächsten Tage.

Da ist der Regen schnell vergessen. Zumal wir heute nicht im dunklen Wald, sondern auf einer Sandbank übernachten werden.

Regen kommt und Regen geht. Tag für Tag treiben wir weiter den Madidi hinab. Die täglich sich wiederholenden Handgriffe werden zur Routine. Gestern haben wir die bisher stärksten Stromschnellen überwunden. Der Fluss wird durch ein natürliches Felstor gequetscht und macht gleichzeitig eine Neunzig-Grad-Kurve.

Mit großer Geschwindigkeit strömt er durch das auf zehn Meter zusammengepresste Flussbett hindurch. Dabei überwindet der Fluss einen Höhenunterschied von zwei Metern. Bei derartigen Schwällen taucht unser Floß unter und wird zum U-Boot. Einige Male kentern wir und retten uns schwimmend ans Ufer. Mexicano gesteht uns, dass er nur ein sehr schlechter Schwimmer ist. Bei einer der vielen Kenterungen hatte er sich gleich zu Beginn den Fuß zwischen einem querliegendem Baumstamm und unserem Floß eingeklemmt. Sein Knöchel schwoll auf eine stattliche Größe an. Aber was hilft es, an ein Umkehren ist nicht zu denken. Im Umkreis von mehreren Tagesmärschen existieren keine Hütten, geschweige denn einen Arzt oder eine Straße. Funkgerät oder Telefon gibt es erst an der Rancherstation 2-5 Tage flussabwärts, je nach Wasserstand. Manchmal machen uns die unklaren Angaben in Sachen Entfernungen nervös. Man erwartet ja keine Stundenangaben, aber wenigstens Tagesangaben als Orientierung wären schon angenehm. Aber zum Glück währt so ein gedrückter Gemütszustand nicht all zu lange.

Abends versammeln sich an einigen Lagerplätzen unzählige Wespen auf den zum Trocknen aufgehängten Sachen. Vor allem stehen sie auf Damenschweiß! Deshalb heißt es oft morgens bereits um 6:00 Uhr aufstehen, denn dann kommen sie mit all ihren Verwandten wieder! 7:00 Uhr fliehen wir Wort wörtlich vor den Wespenhorden aufs Wasser. Es ist wie im Horrorfilm! Ilka stechen besonders viele.

Das Wetter hat extrem gute Laune und die Sonne macht uns zu schaffen. Mit dem staken des Floßes wechseln wir uns ab. Zwei haben immer Pause und dösen vor sich hin.

Es ist der vorletzte Floßtag. Auf einer Sandbank, übersät von Tapirspuren und tausenden von Sandfliegen legen wir endlich an. Ilkas Gesicht ist innerhalb weniger Minuten aufgequollen. In nur einer Gesichtshälfte zähle ich 56 Einstiche. Die Biester sind so winzig, dass man sie nicht mal aus Rache erschlagen kann.

Mexikano kann seinen Knöchel nicht mehr belasten, es sieht ganz nach einem angebrochenen Mittelfuß aus.

Pichucco hat genau wie wir, viele offene Stellen an den Zehen. Das kommt von den Mineralien im Wasser. Bei uns löst man mit ihrer Hilfe Fleischreste von den Gebeinen bei der Knochenseifeherstellung.

Zum Glück fangen wir noch einen Fisch. Es ist wieder ein Bacu. Heute wird er gebraten. Die Aussicht auf ein leckeres Abendbrot hebt die Stimmung ein wenig.

Unser Floß liegt wie jeden Tag mit etwas Strick befestigt am Ufer. Wir nutzen die Holzstämme als eine Art Steg, zum Ausnehmen der Fische und abends zum Waschen, denn im Dunkeln sind keine Bienen oder Sandfliegen mehr unterwegs.

Diesmal kommt Ilka völlig außer Atem vom Waschen an unsere Feuerstelle gerannt: "Kommt mit, ich muss euch was zeigen!". Wir laufen ihr hinterher. Mit der Taschenlampe leuchten wir zum Floß. Mindestens drei paar Krokodilaugen funkeln uns rötlich schimmernd an. Deren Abstand zum Floß beträgt nur wenige Meter. Keine zehn Minuten früher baumelten Ilkas Beine genau an dieser Stelle im Wasser! Der Schreck steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Mexicano erklärt uns beruhigend, dass die Krokodile niemals aus dem Wasser kommen würden. Mitten in der Nacht werden wir eines Besseren belehrt. Ein Krokodilmann von immerhin zwei Metern Länge schnappt sich die vor unserer Plane liegende Angel. Ich hatte am Abend vergessen, die toten Köderfische vom Haken zu entfernen. Die ganze Aufregung hat nur wenige Minuten gedauert. Am Tag darauf betrachten wir ehrfurchtsvoll die Spuren im Sand.

Bereits zum Frühstück jagen uns wieder tausende Insekten. Deshalb wollen wir schnell aufs Wasser.

Heute soll unser letzter Floßtag sein. Gleichzeitig, nicht nur wegen dem überstandenen "Krokodilangriff", wird es auch unser Glückstag werden.

Am helllichten Tage quert kurz vor uns ein Jaguar den Madidi. Wir können fast eine Ewigkeit zusehen, wie er das Wasser abschüttelt, sich pflegt und gemächlich im Dschungel verschwindet. Vor lauter Aufregung fällt mir fast die Kamera ins Wasser.

Ein Jaguar! Ein echter Jaguar!

Tierfilmer benötigen mitunter Monate um überhaupt einen vor die Linse zu bekommen. Schon dafür hat sich der weite Weg gelohnt.

Später erahnen wir noch Kapuzineräffchen. Den Fisch für abends fangen wir unterwegs. Es wird wohl der Letzte auf dieser Tour gewesen sein.

Am Nachmittag erreichen wir eine Rancherstation. Vorher gab es noch mal einige verdammt brenzlige Stellen, wegen der starken Strömung und riesiger tückischer Bäume unter Wasser zu bewältigen. Inzwischen ist der Madidi wirklich ein echter breiter Regenwaldstrom geworden. Das Floß lassen wir am Ufer zurück, schon am nächsten Tag ist es weggespült.

Der Weg zurück

Die Station ist, trotz anderer Auskünfte im Voraus, verlassen. Somit gibt es auch kein Funkgerät. Zum Glück sind wir nicht darauf angewiesen, es wäre unsere einzig mögliche Rettung im Notfall gewesen!

Trotz der Einfachheit der Hütte ist sie für uns wie ein Fünf-Sterne Hotel. Es gibt Bänke und einen Tisch. Das Haus steht auf Stelzen und ist zumindest an den Seiten mit einem Moskitonetz abgespannt. Nach oben und unten ist es offen. Trotzdem gibt es drinnen kaum Insekten.

Wir bauen unser Zelt im Haus auf und können alles sortieren und trocknen. Keine Riesenameisen oder Wespenschwärme stören uns dabei. Dafür haben wir zwei andere Mitbewohnerinnen.

Pichucco zeigt uns eine der zwei hauseigenen Taranteln. Sie wohnt im Dachstuhl. Die Zwei amüsieren sich. Ich weiß ja, dass es die hier gibt. aber im Haus will ich sie nicht sehen! Auch hier wieder drei Kreuze wegen des eigenen Zeltes!

Schwarze und braune Taranteln gibt es hier. Die schwarze ist größer, wohnt in Erdlöchern und ist sehr giftig. Die andere baut ein Netzhaus. Ihr Biss verursacht "lediglich" Schwellungen und Fieber, aber keinen Tod.

Mexicano und Pichucco werden am Abend zwangsverarztet. Pichuccos Füße sind vom mineralhaltigen Flusschlamm blutig aufgerissen. Er hat böse Schmerzen. Der Schlamm wirkt regelrecht ätzend. Die Wundsalbe brennt wie Feuer.

Bevor wir in unsere Baumwollinletts kriechen, hören wir noch ein paar Storys über Jaguare und Pumas, die sich rund um die Station ereignet haben sollen.

Na dann, Gute Nacht! Schlafen sie ruhig!

Ilka bekommt noch einen Juck- und Kratzanfall. Nur wenige Körperstellen haben die Sandfliegen verschont.

Den kompletten nächsten Tag regnet es wie aus Eimern.

Unser Floß ist von den braunen Wassermaßen fortgespült worden. Wir dösen den ganzen Tag im Zelt. Eigentlich haben wir Glück, dass wir die extrem lange Regenperiode hier im Haus verbringen können.

Heute ist Donnerstag der 14. 02. 2002. Wir haben kaum geschlafen. Der Regen trommelt mit einer ungeheuren Intensität auf das Blechdach der Hütte.

Zwei Tagesmärsche sind es noch bis zur ersten kleinen Ansiedlung. Ein Funkgerät soll es dort geben.

Beim Losmarschieren, gegen 9:00 Uhr, lässt der Regen etwas nach. Aber leider nicht für lange Zeit. Unterwegs steht immer wieder alles unter Wasser. Wir bewegen uns auf einem Pfad, dem man ansieht, dass früher hier einmal eine Art Straße frei gehalten wurde. Es war eine Straße für den Holzabbau. Inzwischen sind vor allem die als Brücken geschlagenen Riesenbäume eine Falle, da die Erde unter ihnen plötzlich wegsackt. Beim Laufen findet Ilka eine Schildkröte in einer der vielen Pfützen und Pichucco später sogar einen kleinen Kaiman. So hat der Regen auch sein Gutes: Er erhöht das Jagdglück. 14:00 Uhr sind wir am Rio Candelera. Es regnet pausenlos. Das Wasser können wir direkt von unseren Köpfen trinken. Wir wollen in einer verlassenen Holzfällerhütte übernachten. Die dunkle Hütte ist verdammt muchtig, aber wenigstens stehen Zelt und Rucksack im Trocknen. Wir sind plitschnaß bis auf die Unterhosen. Aber trocken wird hier drin natürlich nichts. Wenn nur endlich der Regen aufhört!

Sonne und Wolken streiten sich am nächsten Morgen. Fünf Stunden sind es bis zum Urwalddorf Alto de Tigre. Der Weg wird immer besser und gleicht mehr und mehr einer Strasse, natürlich einer Urwaldstrasse. Ab und an versperren ihn umgestürzte Bäume. Wir sehen Affen, Papageien und finden eine Wasserschildkröte.

Pichucco hat unterwegs zwei Papayas aufgetrieben. Endlich wieder frisches Obst! Essensfantasien haben wir schon seit Längerem. Die Tour ist kräftezehrend und der ständige Regen drückt auf die Stimmung. Ilka schreibt ins Tagebuch inzwischen täglich:"?X mal werden wir noch wach, heißa, dann ist letzter Urwaldtag!".

Über einen Seitenpfad gelangen wir tatsächlich zu Dorf Alto de Tigre, eine gerodete Fläche mitten im Wald. Ein paar Hütten stehen geduckt, für uns kaum erkennbar, im mannshohen Gras. Zivilisation! Insgesamt wurden 80 Quechuafamilien, deren Minen in Potosi geschlossen wurden, hierher umgesiedelt. In zwei Jahren haben sie sich hier eine Existenz geschaffen. Eigentlich ganz idyllisch, wenn der Regenwald nicht dafür abgeholzt werden müsste und wenn der Regen nicht wäre. Wir bekommen Brot, endlich wieder Brot! Unser Zelt bauen wir unter einem Schutzdach. Es handelt sich um die Dorfschule. Wir stehen im Zentrum der Hütten und der Aufmerksamkeit. Uns zu Ehren schlachtet man sogar ein Huhn. Interessant ist die Fangmethode: Brot wird an einer Angelschnur mit Haken befestigt. Erinnert irgendwie an "Max und Moritz".

Über Funk können wir mit Rurrenabaque kommunizieren. Morgen wird ein Geländewagen losgeschickt. Er soll uns, soweit wie es möglich ist, entgegenfahren. Mindestens zehn Flüsse muss er dabei queren. Brücken gibt es hier keine. Insgesamt sind es bis Rurrenabaque noch 170 km. Mit Mexicanos angebrochenem Mittelfuß ist diese Strecke nicht zu schaffen.

Die Aussicht auf einen Gewaltmarsch ist nicht so toll. Auch an unseren Füßen löst sich die Haut ab. Die offenen Stellen sind ein gefundenes Fressen für allerlei Insekten.

Unser Tagesziel ist der Rio Undumo, geschätzte Ankunftszeit ist 19:00 Uhr.

Der Rio Undumo ist der tiefste und breiteste Wasserlauf auf dem Weg nach Rurrenabaque. In der Regenzeit ist es unmöglich diesen Fluss mit dem Jeep zu durchfahren. Aber mit etwas Glück schafft der es wenigstens bis dorthin!

Die erste Rast legen wir nach zwei Stunden ein. Nach weiteren fünf Stunden ist Mittagpause. Inzwischen hat sich der Regen verzogen. Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel.

Immer wieder waten wir durch kleine und größere Flüsse. Insgeheim hoffen wir auf ein Motorengeräusch. Von hier aus sind es noch einmal vier Stunden. Ich kann eigentlich nicht mehr. Jeder Schritt tut weh.

Aber jeder Schritt ist ein Schritt nach Ixiamas. Und ganz plötzlich, eine Stunde zu früh, sind wir da! Der Fluss ist tatsächlich schon der Rio Undumo. Und wirklich, plötzlich fangen unsere beiden Begleiter an zu rufen und zu pfeifen.

Am anderen Ufer picknickt eine Gesellschaft und es wartet ein Jeep. Mir kommen fast die Tränen, vor Erleichterung.

Als wir den Fluss sehen, ist uns klar, dass hier nie ein Auto durchfahren könnte!

Wir fassen uns alle an den Händen und laufen wie eine Schlange durch den Fluss. Die Strömung zerrt an den Beinen. Die Brühe ist tiefbraun. Wir sind einfach nur noch glücklich.

Gerade noch trostlos und am Ende - und plötzlich im 7. Himmel!

Nach dem Zeltaufbau gibt es eine Rundumerneuerung im Flusswasser.

Nie hätte ich gedacht, dass einen so eine Brühe derart berauschen kann. Die nassen Sachen sind jetzt zweitrangig, denn morgen sind wir in Rurrenabaque!

Eine einzige Katastrophe bleiben unsere Füße. Die Verätzungen haben sich sehr ausgebreitet. Bei Pichucco eitert die gesamte Sohle. Aber heute war ja der letzte Lauftag!

Nach dem Essen sitzen wir zusammen bei Bier, Schnaps und Zigaretten und danken Panchenmama. Danke!

Rückfahrt mit Hindernissen

Was heute passiert ist, gibt es in keinem Film.

Nachts gewittert es wie wild. Unser Zelt ist gesichert, die Wäsche bleibt draußen. Um unser Zelt haben sich bereits mächtige Pfützen gebildet. Es wird nass.

Kurze Zeit später die erschreckende Erkenntnis. Die Pfützen um unser Zelt sind der Fluss! Wir beginnen schon mal zu packen. Panik bricht aus. Das Wasser ist bereits mehrere Meter gestiegen. Der Wagen wurde schon evakuiert. Wo die anderen Zelte standen ist das Wasser schon knietief! Immer hatten wir unterwegs aufgepasst und ausgerechnet am letzten Tag begehen wir so einen Anfängerfehler: Wir haben zu nah am Wasser gezeltet!

Zum Glück haben wir Ordnung in unserem Kram. Nur die Wäscheleine ist gerissen und wir müssen die Sachen vom Boden einsammeln. Das Zelt kommt im Ganzen mit. Neben dem Auto wird zusammen gepackt. Es regnet nach wie vor in Strömen. Wir düsen los, bloß weg vom Fluss. Aber auch der Weg steht unter Wasser. Einmal tauchen sogar die Scheinwerfer des Jeeps unter.

Schließlich ist erstmal Schluss. Das Wasser ist zu tief. Wir sind eingeschlossen! Glücklicherweise sinkt das Wasser meist so schnell wie es kommt, vorausgesetzt, es hört endlich auf mit regnen. Wir hoffen und haben Glück.

Bis zum Sonnenaufgang vergehen noch zwei Stunden. Wir nutzen die Zwangspause und laufen bei Tagesanbruch zum Lagerplatz zurück. Eine Socke hängt noch im Baum. Zwei Zeltheringe liegen im Schlamm. Damit haben wir wohl als einzige keine Verluste. Alle anderen haben Schuhe, Hosen, Matten, Heringe, Messer usw. verloren.

Bald können wir weiterfahren, aber wir ahnen nichts Gutes. Vier weitere, größere Flüsse und viele böse "kleine" Überschwemmungen sind noch zu meistern. Nur zehn Minuten später müssen wir kapitulieren.

Zu starke Strömung, zu breit, zu tief und eine zu große Stufe auf der anderen Uferseite. Die Uferböschung ist brusthoch weggespült worden. Wir setzen zurück. Die Zelte stellen wir direkt auf der Strasse auf. Mit Gegenverkehr ist nicht zu rechnen.

Die Nacht wird sehr unruhig, zum einen liegen wir auf tausend spitzen Steinen und zum anderen passt man irgendwie immer auf, dass es auch ja nicht regnet.

Es hat nicht geregnet! Der Wasserstand ist gesunken, aber das andere Ufer hat noch immer eine brusthohe Stufe. Wir wollen versuchen, mit der Strömung flussabwärts auf eine kleine Insel zu fahren, von dort weiter ans andere Ufer. Dann muss nur noch eine Schneise durch den Wald, zurück zur Strasse freigeschlagen werden. Hier im Überschwemmungsland gibt es keine Baumriesen. Nur dichtes Schilfrohr und junge Bäume versperren uns den Weg. In einer Stunde ist alles geschafft, unglaublich! Eine Straße mit der Machete frei gehauen!

Aber es sollte noch lange nicht das letzte Hindernis gewesen sein. Noch viermal leistet der Fahrer Unglaubliches. Alle packen hart mit an. Am schlimmsten ist der letzte Fluss, starke Strömung und sehr, sehr tief. Gegenseitig sichern wir uns mit einem Stück Seil. Zwei Mann halten ein Ende fest in den Händen. Das andere Ende haben wir zu einem Brustgurt umfunktioniert. Alle Steine, die sich in der Fahrrinne im Flussbett befinden, müssen beiseite geräumt werden. Mehrfach holt uns die Strömung von den Beinen. Alle arbeiten bis zur Erschöpfung. Den Jeep beladen wir mit Geröll aus dem Fluss. Er muss schwerer werden. Damit wollen wir verhindern, dass die Strömung ihn fortreißt. Wir können noch immer nicht glauben, dass der Fahrer sich und sein Auto dieser Gefahr aussetzen will. Amüsiert denke ich zurück an die sonntäglichen Putzorgien besorgter Familienväter in deutschen Garagen.

Ganz plötzlich startet er den Motor, bekreuzigt sich und fährt los. Für den Bruchteil einer Sekunde verschwindet der Wagen bis zu den Fenstern. Eine Sekunde später ist das rettende Ufer erreicht. Alle jubeln, liegen sich in den Armen. Die Anspannung der letzten Tage löst sich in Nichts auf. Es ist geschafft! Glücklich und zufrieden genießen wir die Fahrt auf der Buschpiste zurück nach Rurrenabaque. Froh, es geschafft zu haben und im Moment auch froh ,dass es vorbei ist. Aber mit Sicherheit war es nicht das letzte Mal!