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2009: Bolivien

Fotos von links oben nach rechts unten:
Copacabana am Titicacasee, Karneval in Rurre, Zufahrt zur Wildtierstation, Peluchina

Reiseroute

Flug: Frankfurt - Dallas - Miami - La Paz, Titicacasee - Sonneninsel - Abora 3, La Paz - Rurre: Refugio Jaguarete, Bus: Rurre - La Paz, Flug: La Paz - Santa Cruz - Miami - Madrid - Frankfurt

Februar 2009 Rurrenabaque, Bolivien 

Verregnete Grüsse aus Rurrenabaque senden Euch Flutopfer Torte und Ilka!
Seit heute Nacht gießt es in Strömen. Obwohl es bald Mittag ist, scheint es gar nicht hell werden zu wollen. Der Regen trommelt auf die Wellblechdächer und man muss ständig gegen einen Lärmpegel anreden. Jetzt kommt endlich Wind auf, vielleicht schafft er es ja, die Wolkendecke aufzureißen. Es hat sich merklich abgekühlt. Will heißen, wir schaffen es, in Träger-Shirt und Shorts zu einer kleinen Gänsehaut – während die Motorradtaxifahrer gestrickte Handschuhe tragen. Ist wirklich wahr!!
Eigentlich wollten wir heute mit unserem Feuerstuhl die weitere Umgebung um die Station erkunden. Nach dem Dauerregen dürfte der Weg zur Station allerdings unterschenkeltief  unter Wasser stehen. Torte bietet in seiner Arbeitskluft wirklich einen spektakulären Anblick: Sonnebrille, Gummistiefel bis zur Achsel und ein Hemd, das jedem Unterweltkönig der 70 er Jahre zur Ehre gereicht hätte (eng anliegend, lange Kragenecken, Schulterklappen usw.). Natürlich lässt er es bis zum Bauchnabel offen – fehlt nur noch der Oberlippenbart und ne Goldkette! Er ist und bleibt eben der Hecht von Altchemnitz. Bei mir wirken Gummistiefel leider nicht so elegant. Dafür hab ich schon meinen ersten Solo - Survivalmarsch hinter mir. Während ich nach immer höheren Bäumen für unsere Baumkletterversuche gesucht hatte, hab ich mich doch irgendwie ein wenig verfranst im Dschungel und musste mir bald eingestehen, dass Urwald doch ziemlich gleich aussieht von drinnen. Nach ein paar mal „hier bist du doch schon mal lang gegangen….“, hab ich’s aufgegeben und die Richtung eingeschlagen, in der die „Straße“ liegen müsste. Erst nach über einer Stunde durchs Unterholz splatattern hab ich sie vor mir erspäht und mein Herz hat einen ehrlichen kleinen Hüpfer getan. Von hier 1 - 2 km nach rechts und wieder rein in den Wald für noch mal ne Dreiviertelstunde. Meine Birne war knallrot vom Hetzen. Aber dass mit der Orientierungssinn hat immerhin funktioniert und halb Sieben war ich wieder bei Torte auf der Station. Dort hatte meine mehrstündige Abwesenheit doch etwas für Unruhe gesorgt – 19Uhr wird’s dunkel.
Zu allem Unglück hatte einen der Arbeiter kurz vorher ein Skorpion gestochen (am gleichen Morgen hatte ihn schon eine Schlange gebissen – zum Glück ungiftig). Da fiel die Standpauke für mich eher knapp aus.
Natürlich haben wir Oschis Bitte entsprochen (Vielen Dank für Eure liebe Antwortmail!) und uns erstmal nicht in irgendwelche Abenteuer gestürzt. Aber was sollen wir machen, das Abenteuer stürzte sich quasi auf uns und das auch noch im Schlaf… Es war noch nicht mal ein Abenteuer vor der Haustür sondern im Haus. So kurz vor Vier schrecken wir durch ein Rumsen aus süßen Träumen. Völlig verpeilt tastet Torte zum Lichtschalter und uns entfährt gleichzeitig ein herzhaftes „Ach du Scheiiiiiiiße!“. Unser gesamtes Zimmer steht knapp 10 Zentimeter unter Wasser. Der Rums war der Kleiderständer, den das Wasser einfach ausgehoben hatte – alle Klamotten liegen in der Suppe. Leere Wasserkanister schwimmen zwischen den Betten. Alles, was auf dem Fußboden lag oder stand ist durchgeweicht einschließlich der Rucksäcke. Auch Tortes verstecktes Geld und die Reiseschecks. Vor der Tür dümpeln unsre Schuhe, die Gummistiefel und leere Benzinkanister in einer braunen Schlammbrühe. … Und es gießt und gießt wie aus Eimern und das Wasser steigt. Mit einem Abzieher versuchen wir die „Fluten“ aus dem Zimmer zu schieben, also berghoch. Von unserem Gewerkel wird Christiano unser Zimmernachbar wach. Entgeistert steht er in der Tür. Sein Zimmer liegt immerhin 10 Zentimeter höher. Glück gehabt. Wir müssen feixen: Drei Helden in Unterhosen bekämpfen grinsend die Flut. Durch unser Gerühre lösen sich irgendwann die Blätter, welche den Abfluss verstopft hatten und das Wasser geht endlich zurück. Schade, dass wir kein Bier mehr haben. Ein Glück, dass es den Kleiderständer umgehauen hat – ein paar Zentimeter mehr und auch alles Zeug in den Regalen wäre am schwimmen gewesen. Die eingeweichten Rucksäcke können wir erst am morgen aussortieren.
Die Herrin des Hauses kriegt den Mund nicht mehr zu als wir ihr von unserem nächtlichen Zwischenspiel erzählen – von den anderen hat echt keiner was gemerkt.
Jetzt warten wir sehnsüchtig, dass der Regen aufhört. Ich hoffe, Ihr habt zu Hause schöneres Wetter.

Bolivien 15. März 2009

… gerade habe ich mir mit einer Nähnadel unter dem gleißenden Strahl meiner Stirnlampe einen Boro(weißer Miniwurm)aus dem großen Onkel gepult. Man kann also sagen nun gehört man dazu im Urwald. Aber angesichts der neuesten Herausforderungen ist so ein fußeigener Boro regelrecht pflegeleicht …

Liebe Regenzeitfreunde!
In diesem Jahr sind wir etwas schreibfaul - ich weiß - aber nun haben wir den besten Grund der Welt dafür. Wir sind seit einer Woche Eltern! Unser Baby kuschelt gerade seine riesige Nase auf meinen Schoss und sieht mir beim Tippen zu. Aber alles der Reihe nach:
Nach dem Kurzen „Arbeits- und Bildungsausflug“ zum Titikakasee (Abora 3 Dominique Görlitz) sind wir für bolivianische Verhältnisse ziemlich direkt nach Rurrenabaque weitergereist. Ja, und hier sind wir dann immer noch – statt Abenteuertouren frönen wir hier seit fast Zwei Monaten dem Abenteuer Arbeit. … und abenteuerlich ist das Organisieren und Arbeiten im Urwald allemal – nicht nur weil gerade wieder Regenzeit ist!
Die Quiquibeytour konnte leider erst mit drei Tagen Verspätung starten – wegen der starken Regenfälle und den unpassierbaren Stromschnellen. So hatten unsere Journalistenfreunde Jens und Katarina doch noch die Chance, mitzukommen zur medizinischen Hilfstour. Erst haben sie wegen des Karnevalwahnsinns und anschließend wegen schlechten Flugwetters in La Paz festgesessen und wären für den eigentlichen Termin zu spät hier gewesen. Also hat Regenzeit auch ihr Gutes!
Dem Karneval in Rurre sind wir so gut es ging ausgewichen. Statt großem Umzug gab’s in den ersten Tagen nur marodierende Banden von Kids und Jugendlichen mit Wasser-, Schlamm-, Altöl- und Farbbomben – ein Straßenkrieg, bei dem man besser nicht zwischen die Fronten gerät. Am Straßenrand saufen sich die seriösen Seniores und Senioras derweil auf Plastikstühlen die Hucke voll. Jeder hat natürlich seine eigenen Boxen und nicht nur blauäugige Gringos werden sofort von den Weibsen zum Tanzen gekrallt. Obendrein böllern die Heinis den ganzen Tag und die halbe Nacht mit Knallern in der Gegend rum. Bei Alejandro, dem dreijährigen Sohn von Jackie von der Medizinischen Hilfe Bolivien e.V. hat das dazu geführt, dass Jens(der Journalist) seine Tabakpfeife nicht mal in den Mund nehmen darf, geschweige denn anzünden und rauchen. Alejandro denkt die Pfeife würde auch böllern und schreit jedes Mal wie am Spieß.
Die Quiquibeytour war wie immer ein voller Erfolg. Die medizinischen Profis Jaqueline, Jose Manuel, Andy, die Ranger Mindo und Inga und wir Regenzeitler waren ein prima Team. Hat dem Kopf und dem Herz einfach mal wieder gut getan, richtig mit anpacken zu können und zu sehen, dass die Hilfe was bringt. Klar standen wir vor einigen Kindern und Erwachsenen auch echt fassungslos gegenüber. Im ersten Dorf (noch am großen Benifluss) sind wir auf eine junge Torgauerin gestoßen, welche für vier Wochen über eine Tourismusagentur dort in der Schule hilft. Hut ab sage ich nur! (Vor allem, nachdem ich die vollkommen blutigen Beine und Füße gesehen hab.) Eine Wunde wollte und wollte nicht heilen – wurde sogar größer. Andy (unser Arzt von der Med. Hilfe Bol. e.V.)hat letzten Endes Leishmaniase(weiße Lepra) diagnostiziert. Theresa wahr heil froh, sich endlich wieder mal richtig unterhalten zu können (nach drei Wochen fingen wenigstens die Männer des Dorfes an mit ihr zu reden) und dankbar über die medizinische Hilfe. Sie hatte die Situation unterschätzt und die Leute, die sie „ausgesetzt“ hatten, haben ihr nichts weiter erzählt. Es war ihr Kindheitstraum einmal nach Amazonien zu gehen – ich find´s prima, wenn man seine Träume so mutig verwirklicht.
Zum ersten Mal haben wir in einem der Dörfer am Fluss mit Schule Zahnputzunterricht gegeben – ein erster Anfang in Sachen Vorsorge. Auch sonst hat sich die Arbeit von Jose Manuel positiv ausgewirkt am ganzen Fluss. In ein bis zwei wenigen Dörfern scheint’s aber einfach nur zu stagnieren – die Haut randvoll mit Pilzen, die Bäuche randvoll mit Würmern. Der Wasserfilter wird nur als Aufbewahrungsgefäß genutzt, statt zum Wasser reinigen. Aber die kriegen wir auch noch – da glaub ich ganz fest dran!!!!! In manch anderem Dorf kann man sogar während des Kurzbesuches den Fortschritt sehen. Ein guter Dorfchef und eine Schule mit engagiertem Lehrer sind die wichtigsten Voraussetzungen. Wir wollen in Zukunft auch ein wenig Schulkram mit ins Boot nehmen – quasi als Projekterweiterung. Natürlich urwaldgerecht!
Erstaunlich war die Anzahl der Flussschildkröten und der Kaimane am Ufer des Quiquibey – fast schon inflationär. Die Ranger meinten auch, dass sich die Bestände erholt hätten.
Ja – und irgendwann erreichen wir die Komunidad San Luis Chico und stöbern zwischen den Hütten nach den drei Nasenbären vom letzten Jahr. Gleich zu Anfang der Behandlung mussten bei einem Baby und seiner Schwester zwei üble Abszesse unter markerschütterndem Geschrei gespalten werden – wir brauchten jetzt dringend was Schönes! Ich entdecke die erste „Antenne“. Aber der Nasenbär ist ja noch genau so ein Baby wie letztes Jahr!? Das gibt’s doch nicht! Ich frage nach und erfahre, dass die vom Vorjahr alle tot sind. 2 haben die Hunde zerfleischt. Ich hatte ja wenigstens gedacht, die Dörfler halten die Nasenbären als Fleischreserve. Wäre ja auch ok. Aber von den Hunden erlegt – da können wir sie lieber auf die Station mitnehmen, auch wenn noch nicht alles fertig ist!!!!! Gerade als ich zu den Rangern laufe sehe ich noch, wie die Jungen mit Pfeil und Bogen auf das Nasenbärbaby schießen. Immerhin, der Dorfchef sagt sogar „Ja.“ – wir dürfen den Kleinen mitnehmen. Und nu? Aktion Nasenbär startet furios mit Fang- und Fluchtversuchen. Leider bemerken wir erst zu spät, dass im Dorf noch ein Geschwisterchen rumtapst …
Die erste Nacht auf der Sandbank haut der Kleene erstmal aus seinem Karton ab. Da er aber wirklich noch ein Baby ist quietscht er die ganze Zeit laut und die Ranger erwischen ihn. Die nächste Nacht schläft er bei Torte und mir im Zelt. Immerhin schläft er durch bis 7:00 Uhr aber ansonsten ist ein Nasenbär so bewegungsfreudig wie ein Affe und kackt recht gut. … und wenn er dann mit seiner Nase so gegen die Zeltwand rennt… so herrlich! In Rurre haben wir bereits einen großen Transportkäfig. Da soll er erstmal rein – soweit gut gedacht. Im wirklichen Leben hat der Zwerg so erbärmlich gequietscht und gezwitschert, dass wir ihn im Zimmer einfach rauslassen mussten! Na ja und dann ist die Antenne(senkrecht aufgestellter Schwanz) endlos über Betten und Rucksäcke getobt und plötzlich legt er sich auf meinen Hals und streckt mir seine kleene Nase entgegen und zwitschert. Soo süüüß! Und ich hab ihn vorher extra nicht gestreichelt, damit er nicht zu sehr an uns gewöhnt wird. Aber er braucht wirklich Körperwärme. Nachts schläft er seitdem meistens auf meinem Hals, kackt irgendwann abseits aufs Kopfkissen und kuschelt dann wieder. Tags nimmt er jedes Körperteil wahr, was er kriegen kann zum dran lehnen und einringeln. Es ist echt der Hammer! Wir (Torte, Torsten, Pepe und icke) haben ihm auf der Station einen großen Gehegekäfig mit Kletterparadies und Häusel gebaut. Tagsüber war er schon drin. Ab Montag werden wir für ein paar Tage draußen auf Station schlafen zum Eingewöhnen. Das Glück war mal wieder auf unserer Seite. Man wird uns im Dorf ein zweites Findelkind schenken. So haben wir zwei „Mädels“. Im Urwald leben die Weibchen auch in Gruppen zusammen. Nur vereinzelte Machos leben solo. Eben diese wären auch die große Gefahr, wenn die Babys nachts frei auf der Tierstation rumtapsen. Aber bald sind sie alt genug… Na ja und wenn’s soweit ist, müssen die „Eltern“ ganz tapfer sein – oder ob man den mitnehmen kann? Nein im ernst, so süß – so anstrengend. Gerade stinkst bei uns wie in der Grube. Der Assi hat Toilettenpapier ins Klo gehauen und nun isses verstopft! Die Herbergsmutter darf aber von ihm nichts wissen – also müssen wir heimlich improvisieren mit Draht und Hand.
Gestern hat man uns ein Brüllaffenbaby zum Kauf angeboten. Kaufen würden wir ja sowieso niemals nie und auch die Vorstellung noch einen Affen im Zimmer zu haben (hab ja schon einen großen – hi, hi) ist nur Horror!!! Für den müssen wir erstmal eine Amme suchen, bevor er groß genug für die Station ist.
Ansonsten bauen wir die restlichen Wochen weiter auf Station – z. B. ein Affengehege. Und fiebern einem noch geheimen Ereignis entgegen …
So unsere Techonsita versaut gerade mit einem frisch geknackten Ei den Fußboden, ich geh mal erziehen!
Danke an alle, die uns dabei unterstützt haben und weiter helfen unsere Projekte in die Tat umzusetzen! Wir melden uns mir einer Fortsetzung wenn’s Neuigkeiten gibt.
Beste Grüße aus dem heute mal wieder sehr nassen Regenwald von Torsten und Ilka!­

April 2009
Die Rückkehr der ersten Jaguare in das artenreichste Dschungelgebiet der Erde!!!

Shasha und Peluchina
Vorsichtig stecken Shasha und Peluchina ihre Nasen aus der offenen Käfigtür. Ein kurzes Zögern, ein unsicheres Schnuppern und ein Sprung ins Ungewisse. Die Beiden sind zum ersten Mal im Regenwald – ihrem eigentlichen zu Hause. Nicht nur für unsere Jaguarmädchen war es ein ganz besonderer Moment. Fast zwei Jahre haben wir geplant, organisiert, gebaut, immer wieder Nerven gelassen und uns den Umständen angepasst. Am 3. April 2009 ist es soweit, die ersten 2 Jaguare ziehen auf der „Estacion Biologica Jaguarete“ ein – hoffentlich nicht für all zu lange Zeit! In den nächsten Monaten wird das Team um das „Projekt Regenzeit e.V.“ versuchen, ihnen all das beizubringen, was man für ein Leben im Paradies der grünen Hölle braucht. Regelmäßig werden wir über ihre Fortschritte – natürlich auch über die der anderen Bewohner- berichten, damit Ihr seht, dass Eure Hilfe wirklich ankommt!

Refugio Jaguarete
Vor zwei Wochen erfuhren wir, dass es in der Estacion Reserva Biosferica del Beni in San Borja ein Jaguargeschwisterpaar gibt. Noch wissen wir nicht viel, alles ist reine Spekulation. Das ganze Unternehmen birgt viele Unwägbarkeiten. Mir geht vor allen Dingen die noch fehlende Infrastruktur nicht aus dem Sinn. Gut, das erste Jaguargehege hat schon sichtbar Gestalt angenommen. Da, wo vor drei Wochen noch kaum zu durchdringender Urwald war, stehen jetzt schon die Außenzäune im Rechteck 24 mal 12 mal 5 Meter. Besonders strapaziös war das Setzten der 80 Kilogramm schweren Gehegesäulen. Nicht weniger beschwerlich ist die Zufahrt zur Station. Auf den letzten 600 Metern gibt es kaum noch ein Durchkommen. Alles was für den Bau benötigt wird, schleppen wir im Schweiße unseres Angesichtes von Mosquitowolken umschwirrt heran. Vieles geht für unsere Gedankenwelt viel zu langsam vorwärts. Von den Regenpausen mal ganz abgesehen… Das dürftige Wissen über den Auswilderungsprozess kommt noch dazu. Insgesamt ist das Thema so komplex und umfangreich, dass uns manchmal angst und bange wird. Aber es ist wie bei vielen unserer Projekte, wer nichts anpackt wird nichts erreichen. Fehler sind da, um daraus zu lernen. Nur das es eben dieses Mal nicht um leblose Dinge geht. Nein diesmal sind es Jaguare. Alles muss funktionieren. Nicht auszudenken, was passiert, wenn die Jaguare nicht zu kontrollieren sind. Am 29.03.2009 dann der erste Prüfstein für unsere Arbeit. Von Anfang an war unser Ziel, die Tierstation nicht isoliert als Fundation zu betreiben, sondern gemeinsam mit der Unterstützung von Vertretern bolivianischer Institutionen. Die Öffentlichkeit macht seriös und gibt Sicherheit. Man muss Jahre hier zugebracht haben um diese Herangehensweise zu akzeptieren. Nur dann ist es wirklich möglich, erfolgreich zu sein. Wir erhoffen uns für die Station einen ständigen Mitarbeiter des Pilon Lajas Schutzgebietes. Das nimmt uns etwas Arbeit von den Schultern. Die staatliche Behörde zahlt sein Gehalt und wir übernehmen die anfallenden Kosten für Essen und Unterkunft. Zu gute kommt uns bei diesem Prozess, dass wir seit 2007 die Komunidades im Schutzgebiet Pilon Lajas am Rio Quiquibey medizinisch versorgen.
An jenem Morgen fahren wir mit Marcello Montenero, Chef der Estacion del Beni, und Juan Carlos Miranda, Direktor des Pilon Lajas Schutzgebietes, zur Station. Der große Jeep wühlt sich mit letzter Kraft durch den Schlamm, noch eine kleine Steigung und wir sind da. Beide machen große Augen während des Rundgangs im Stationszentrum.

Als der Pilonchef meint, dass unsere Jaguarunterkunft besser ist als die meisten Hütten der Bewohner am Quiquibey, ist klar, dass sie offiziell dem ganzen Unterfangen grünes Licht geben und uns mit ihren kaum vorhanden Mitteln unterstützen werden. Sicher spielt hier eine große Rolle, dass wir Carlos Espinosa als Contraparte haben. Er ist eine der angesehendsten Personen in ganz Rurre und für seine Zuverlässigkeit bekannt. Wir arbeiten seit 2006 eng mit ihm zusammen. Nach unserer Rückkehr nach Rurre am frühen Nachmittag treffen wir uns zur Reunion im Büro des Parkchefs Juan Carlos. Da passiert das Unerwartet kaum für möglich gehaltene. Innerhalb von fünf Minuten wir der Transporttermin festgelegt. Modalitäten werden vereinbart. Projekt Regenzeit e.V. bezahlt für zwei Jeeps den Sprit und konstruiert einen Transportkäfig für den Pick Up. Wieder was Neues! Wer hat schließlich schon mal einen Transportkäfig für zwei halbstarke Jaguare zusammengenagelt? Hier und bei vielen anderen Dingen kommen mir die Erinnerungen an meine Zeit im Zoo Halle zugute. Viel hab ich gelernt, viel aus den Augenwinkeln beobachtet. Bloß nichts falsch machen, die Tiere unversehrt in die Station bringen, dann ist erstmal ein wenig Zeit zum Durchatmen. Glücklicherweise haben wir Jorge unter Vertrag. Er ist der Vorarbeiter auf der Station. Mit Jorge bauen wir den Transportkäfig, mehr er als ich, da ich meine rechte Hand kaum bewegen mag. Sie ist  bis zu den Fingerspitzen dunkelrot angelaufen. Der Arzt unseres Vertrauen meint nur lapidar das es Pilze wären, die sich im oberen Hautgewebe eingenistet haben. An der Stirn sieht’s auch nicht besser aus. Eine Creme soll helfen. Vamos a ver! Am 03.04.2009 ist es dann soweit. An der Tankstelle gibt es sogar Benzin, was hier im Tiefland nicht immer üblich ist. Meist wird gleich vom Tanklaster verkauft. Welcher dann auch schnell leer ist. Mit dem geländegängigen Jeep kommen wir gut voran. Es hat einige Tage nicht geregnet. Die „Ruta Numero 2“ ist zwar  nur ein Feldweg, aber ohne Regen relativ gut befahrbar. Am Nachmittag erreichen wir San Boja. Das Zentrum der Viehzüchter. Die Straße führt von hier aus weiter über Trinidad nach Santa Cruz. An die tausend Kilometer Piste sind das. Im Moment interessiert das keinen der Einheimischen hier, da der Fahrweg seit Anfang November überflutet ist und  erst Ende Mai wieder passierbar sein wird.

Als wir ins Rangergelände einbiegen kommt dann auch ganz schnell und unvorbereitet der Moment aller Momente, den wir wohl niemals in unserem Leben vergessen werden - genau wie vor sechsen Jahren, als wir einen Jaguar bei Tageslicht in freier Natur sehen durften.
Shasha und Peluchina liegen angekettet, aber in wirklich guter Verfassung vorm Eingang der Küche. Wir sind hin und weg… So beeindruckend… so wild…so kraftvoll. Dafür haben wir Jahrelang gearbeitet…, haben uns so viel Menschen unterstütz….Danke für diesen Moment, der allen Stress, alle Nörgler und die: „Das wird doch sowieso nichts Typen“ vergessen lässt. Jetzt erst recht! Vorher aber die nächsten Minuten innehalten, beobachten, staunen, entspannen…eine Pausenzigarette rauchen. Den Moment genießen, dann erst geht’s weiter. Die Jaguarmädchen sind trotz Kette in bester Verfassung. Herrliches Fell, klarer Blick, keinerlei Anzeichen von äußerer Gewalteinwirkung …

Gegen 22:00 Uhr haben wir es endlich geschafft, beide Tiere wohlbehalten in den Käfig auf dem Pick Up zu locken. Vier Stunden zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Der Transportkäfig hatte so seine Tücken. Da wir in der Kürze der Zeit keine wirklich sichere Tür einbauen konnten, haben wir kurzer Hand auf den Boden verzichtet. Jetzt bring mal zwei halbstarke Kraftpakete in einem angekippten Käfig auf der Ladefläche eines Pick Ups unter! Zwischenzeitlich waren wir kurz vor dem Abbrechen des ganzen Unterfangens.

So bald Peluchina und Shasha klar wurde, was ihnen bevorsteht, gab’s kein Halten mehr. Die Kraft der Tiere ist nicht zu unterschätzen. Irgendwann waren dann doch beide drin. In der Nacht kontrollieren wir im Schichtsystem die Jaguare. Jeder vom Team bringt es so zumindest auf drei Stunden schlaf. 03:30 Uhr sind wir startklar. Im Mondlicht verlassen beide Jeeps San Borja. Strom haben die 25000 Einwohner nur am Tag…
Wir fahren im Konvoi. Vorn der Pick Up, hintendran der geschlossene Jeep. Mit Sprechfunkgeräten halten wir ständig Kontakt. Nach sechs Stunden Buckelpiste, sieben Pausen an Urwaldflüssen für den Wassernachschub für die Tiere, vielen ungläubig schauenden Bolivianern am Wegesrand und einigen Begegnungen mit illegalen Holztransporten biegen wir in die Refugiozufahrt ein. Shasha und Peluchina scheinen zu spüren, dass die Fahrt bald ein Ende hat. Oder liegt es daran, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben den Urwald sehen und riechen können? Unsere Stationsmitarbeiter, alle fein herausgeputzt, tragen zur Feier des Tages sogar ihre leuchtend gelben Bauarbeiterhelme. Letzte Woche, als sie diese während der Bauarbeiten im Urwald aufsetzten sollten, hatten sie noch wenig Verständnis für solcherlei Sicherheitsequipment. War vermutlich auch gleich ein bisschen zu viel verlangt. Heute, wo auch diverse Fersehleute auf unsere Ankunft warteten, sind sie mit ihren Helmen der i-Punkt und auch ein wenig stolz.
Die letzte Stunde hat es dann noch mal in sich. Bei allen sind die Nerven bis zum Äußersten angespannt. Nur keinen Fehler machen - die Jeeps sicher durch den hüfttiefen Schlamm manövrieren. Dann endlich steht der Pick Up rückwärts am Freigehege, genau da wo Ilka, Carlos und ich noch vor vier Wochen fluchend ob der Unmenge von Mosquitos den ersten Spatenstich mit der Machete vollzogen haben…

Vorsichtig stecken Shasha und Peluchina ihre Nase aus der offenen Käfigtür. Ein kurzes Zögern, ein unsicheres Schnuppern und ein Sprung ins Ungewisse. Die Beiden sind zum ersten Mal im Regenwald – ihrem eigentlichen zu Hause. Nicht nur für unsere Jaguarmädchen war es ein ganz besonderer Moment. Fast zwei Jahre haben wir geplant, organisiert, gebaut, immer wieder Nerven gelassen und uns den Umständen angepasst. Am 3. April 2009 ist es soweit, die ersten 2 Jaguare ziehen auf der „Estacion Biologica Jaguarete“ ein – hoffentlich nicht für all zu lange Zeit! In den nächsten Monaten wird das Team um das „Projekt Regenzeit e.V.“ alles versuchen ihnen all das beizubringen, was man für ein Leben im Paradies der grünen Hölle braucht. Regelmäßig werden wir über ihre Fortschritte – natürlich auch über die der anderen Bewohner- berichten, damit Ihr seht, dass Eure Hilfe wirklich ankommt!

Die Geschichte um Torsten Vaca
Am darauf folgenden Wochenende ruft Melwin, einer unser Arbeiter, über Handy an und meint, ich sollte unbedingt beim ihm zu Hause vorbeischauen. Kein Problem, mit dem Moped bin ich in wenigen Minuten bei ihm. Er erwartet mich in seinen besten Sonntagssachen. Wir setzen uns in sein Bretterhaus und er erzählt mir vom Wechsel in seinem Leben. Vor 15 Jahren, während der „tiempo de madera“- „der Zeit des flächendeckenden Holzeinschlags“, war auch er wochenlang in den neu geschaffenen Schutzgebieten unterwegs, um illegal Edelhölzer zu schlagen. Jaguare haben sie damals auch geschossen und die Felle verkauft… Heute arbeitet er für den Schutz der Tiere und deren Lebensraum im Refugio Jaguarete.

Das mache ihn unendlich stolz. Mit glänzenden Augen fragt er mich am Ende des Gespräches, ob er nicht seinem fast zweijährigen noch namenlosen Sohn meinen Vornamen geben darf. Aus Dankbarkeit! Natürlich darf er. Wir freuen uns natürlich riesig. So kam es, dass es jetzt in Rurre einen zweijährigen Torsten Vaca gibt.
Torsten Kuh, wörtlich übersetzt heißt Vaca – Kuh, na prima… Viel schöner als die Namensgebung ist aber der Sinneswandel… …poco a poco… Stück für Stück!