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Medien - Presseartikel

„Würmer essen könnt ihr alleine ...“

(Freie Presse vom 09. Juli 2004, J.Eumann)

Der Hunger ist stärker als die Scheu. Mit einem Rascheln kehrt die Natur zurück, im Schutz der Dunkelheit. Vom sachten Geknister des Feuers hebt sich das Geräusch kaum ab, doch es kommt von hinten. Von der Stelle, wo Stunden zuvor Forellen in der flugs ausgehobenen Räuchergrube garten. "Schh! Die Lampe." Das Gemurmel am Feuer erstirbt. Der Lichtkegel wandert über Blätter, Baumstämme, dann treffen sich ihre Blicke. Die der zehn Zivilisationsflüchtlinge mit denen aus zwei rot aufblitzenden Augen. Die spitzen Ohren machen die Silhouette unverkennbar. Wie angewurzelt steht der Waldbewohner da und starrt die aufgeschreckten Eindringlinge an. Dann huscht er ins Unterholz. Alle paar Meter blitzen die Augen auf, wenn er sich vergewissert, dass niemand ihm folgt.

Auf Wölfe muss man im Elbsandsteingebirge zwar noch vergeblich warten. Doch selbst die Nähe ihres kleinen Bruders versetzt die Abenteuersucher in Staunen. Ein Fuchs, der sich bis auf acht Meter an Feuer und Stimmengemurmel heranwagt, ist der erste Beweis, dass es klappt. Dies ist kein Waldspaziergang, es sind erste Schritte zurück zur Natur, Tuchfühlung inklusive. Im Jargon der Reiseveranstalter heißt das "Survival-Kurs intensiv".

Beruhigende Streicheleinheitvor blitzartigem Tod
Wer sich aufs viertägige Überlebens-Training einlässt? Da gibt es den Förster Ralf (40) aus Thüringen, der sich in der Freizeit mit der Kultur der Arapahoe-Indianer beschäftigt und dem seine Frau den Kurs schenkte, weil auch Abseilen am Fels auf dem Plan steht. Er will seine Höhenangst in den Griff kriegen. Da ist Torsten (40), Ergotherapeut und in der Freizeit auf den Spuren der „Cheyenne“ unterwegs. Deren urtümlichem Leben glaubt er hier im Wald näher zu kommen. Patrick (28) aus Eisenach bricht bei Trekkingreisen aus seinem Maschinistenleben aus und will jetzt an seine Grenzen gehen. Britt (36) aus Chemnitz verließ ihren Bürostuhl, um zu sehen, ob sie in freier Natur ebenso ihre Frau steht. Stefan aus Leipzig (46) arbeitet als IT-Architekt und krempelt gerade sein Leben um. Judith und Sigurd (beide 20), ein Pärchen aus Baden-Württemberg, er Förster-Azubi, sie Mitarbeiterin im Zoo, suchen die Herausforderung. Und es gibt Jens (37), der von einer Reise in den Dschungel träumt, aber zweifelt, ob er fit genug ist. Also zunächst „Natur pur“ in der sächsischen Schweiz. Ilka und Torsten verdienen sich mit verlängerten Wochenenden wie diesen ihr Geld. Ihr Job: Survival-Trainer. Zur Saisonpause im Winter bilden sie sich dafür fort, im Urlaub, den sie fernab der Zivilisation im Urwald Südamerikas verbringen. Die Machete in der Hand, mit höchstens einem indianischen Führer an der Seite. Ihre Erlebnisse im Dschungel, wo nachts aufblitzende Augen nicht Füchsen, sondern Kaimanen gehören, aus diesem Stoff sind in dieser Nacht die Geschichten am Feuer (www.regenzeit.net).

Über dessen Flammen köchelte kurz zuvor der erste Test fürs Gemüt. Jenes Kaninchen, das in einer Kiste im Begleitbus seine letzte Reise antrat. Unautorisiertes Jagen ist schließlich in Deutschland verboten. Ihr "Ach ist der putzig" bleibt den Teilnehmern im Hals stecken, als Torsten das Tier beruhigend streichelt: "Schon gut, hast es gleich geschafft." Schlachten steht auch auf dem Kursprogramm. Es wird vermieden, jegliche Bindung zu dem Tier aufzubauen. Wer Zeuge werden will, wie Torstens gezielter Knüppelhieb das Kaninchen sekundenschnell tötet, geht mit um die Ecke des Felsens, unter dessen Vorsprüngen Schlafsäcke und Isomatten ausgerollt wurden. Die meisten bleiben am Feuer und warten aufs Kommando zum gemeinsamen Ausnehmen. Bürofrau Britt plante beim Lagerbau noch eine Befreiungsaktion. Doch die hätte den Tod des Kaninchens in der Wildnis nur um Stunden verzögert. Stattdessen schlägt sich Britt heute auf Judiths Seite. Die ist eingefleischte Vegetarierin. Die anderen lassen sich den gekochten „Hasen“ schmecken. Im Gemüsesud sieht er nicht anders aus als daheim in der Pfanne, wo ihm der Fleischer das Fell schon über die Ohren zog und ihn verbrauchergerecht portionierte. In freier Wildbahn muss man beides selbst erledigen, will man nicht nur von Wurzeln oder Würmern leben. "Würmer essen könnt ihr allein, dazu braucht ihr uns nicht", kommentiert Ilka den Spott, den sich einige Teilnehmer vorm Aufbruch anhören mussten. Nein, es geht nicht um Mutproben für den Magen, sondern um das Erlernen von Fertigkeiten, die in der Zivilisation zwar keiner je brauchen wird, die aber lebenswichtig sein könnten, wenn man das Abenteuer nicht nur sucht, sondern auch findet.

Von Ilka erfahren die Survival-Eleven, welche Pflanzen selbst in der Wüste Wasser spenden und wie eine Kondensationsgrube frisches Laub seiner Flüssigkeit beraubt. Plätschert ein Bach vorbei, ist Wissen gefragt. Sind genug unter Steinen klebende Köcher von Fliegenlarven oder Bachflohkrebse zu finden, kann man bedenkenlos daraus schlürfen. Zweite Lektion: Feuer machen mit Magnesiumblock und Feuerstein oder per Brennglas. Zur Not setzt sogar eine kurzgeschlossene Taschenlampenbatterie Birkenrindenstreifen oder Baumharzbrösel in Brand. Ein paar Funken aufs Zundermaterial, und durch die aus Reisig geschichtete Pyramide züngeln Flammen.

Als Gurt zum Abseilen tut es im Notfall auch eine Jeans
Am zweiten Tag ruft der Pfaffenstein. Während Ilkas kleiner Kletterknotenkunde sichert Torsten die Seile am Fels. Ralf, der höhenängstliche Förster, beobachtet skeptisch die tastenden Griffe der ersten Kletterer. Dann schlingt er sich das Sicherungsseil in den Karabinerhaken. Behende erklimmt er den Fels, selbst den Blick zurück fürs Foto hält er tapfer durch. Auf dem Weg hinab baumelt Ralf im straffen Seil, verlässt sich voll aufs Material. Nur seine Haltung gefällt Torsten nicht. "Füße an die Wand, Hintern raus, stell dir vor, du musst mal und darfst nicht den Fels treffen", ruft er von oben. Mit dem Hochleistungsmaterial schaffen alle Aufstieg und Abseilen. Ilka grinst und beschreibt, wie man sich zur Not aus einer Jeans einen Brustgurt bastelt. Schließlich ist das ein "Survival-", kein Kletterkurs. "Oder man seilt sich im Dülfersitz ab", sagt Ilka. Diese alte Bergsteigertechnik, bei der man das blanke Seil ohne Gurt um den Körper windet, während man sich herablässt, probieren auch noch alle aus. "Heiß am Hintern", kommentiert Patrick unten. Die anderen nicken. Sie wissen genau, was er meint. Lässt man das Seil zu schnell kommen, wird schmerzhaft klar, dass Reibung Wärme erzeugt.

Am Abend konfrontiert Torsten seine Schüler mit der Willenskraft, die Survival-Papst Rüdiger Nehberg in den 80ern bewies. Er durchwanderte Deutschland von Hamburg nach Oberstdorf: rund 900 Kilometer in 30 Tagen. In der ersten Woche stapfte er täglich 50 Kilometer. Also die Strecke, die es am nächsten Tag zu bewältigen gilt, wenn man beim 24-Stunden-Orientierungsmarsch die offizielle Route wählt. Über einen alten Grenzübergang am Rande des Nationalparks lassen sich rund 14 Kilometer abkürzen. Die beiden Teams sind auf sich allein gestellt, ohne Torsten und Ilka. Vom Fuß des Pfaffensteins nach Tschechien, wohin genau, weiß keiner. Das Ziel wird erst am Kontrollpunkt nach der ersten Etappe verraten. Schnitzeljagd für Erwachsene. Torstens Kommentar: "Durchfallquote 50 Prozent."

Tatendurstig, aber keineswegs siegesgewiss schultern die Teams am nächsten Morgen um 10 Uhr die Rucksäcke. Patrick und Britt marschieren mit den Waldläufern Ralf und Torsten, die Bürohengste Stefan und Jens mit Judith und Sigurd. Die ersten Instruktionen sind klar. Von Pfaffendorf zur Neumannmühle. Dort sind die Zielkoordinaten versteckt. Nach der Elbquerung über die Brücke in Bad Schandau wählen Judith, Sigurd, Stefan und Jens den Weg über den Flößersteig. Kraxelig zwar, dafür bietet er malerische Blicke. An schmalen Passagen hängen die Rucksäcke überm Steilhang, die Hände fest am Geländer im Fels. Beim kilometerlangen Berganstapfen durch das Kirnitschtal wählt jeder sein eigenes Tempo. Der Rucksack zerrt. Zehen und Fersen zwicken. Die Uhr tickt.

Mufflonwidder einziger Zeuge bei Schritt über die Grenze
Die Karte mit dem Ziel haben Torsten und Ilka an der Neumannmühle auf einen Pfahl gepinnt: Jetrochovice, ein tschechisches Örtchen jenseits des Nationalparks. Der kürzeste Weg führt über einen still gelegten Grenzübergang. Einhelliges Nicken. Kurze Rast, dann geht es am Zeughaus vorbei und an der über 300 Meter hoch aufragenden Hickelhöhe ins Grenzgebiet. Spähende Blicke nach Uniformen, doch außer einem Mufflonwidder gibt es keine Zeugen des Grenzübertritts. Der Bock erhebt sich unwillig aus dem Gras, starrt die nahenden Zweibeiner an und verschwindet mit mächtigen Sprüngen ins Gebüsch.

Auf tschechischer Seite führt der Weg auf dem Bergkamm entlang, unter dessen felsigen Spitzen sich Spalten zum Schlafen auftun. Zeit zum Nachtlagerbau. Sigurd entflammt die aufgeklaubten Birkenrindenstreifen allein mit Funken des Feuersteins, Magnesiumspäne braucht er gar nicht. Nach Dosenkost vom selbstgebauten Büchsenkocher schlüpfen alle in die Schlafsäcke, noch bevor die Sonne versinkt. Das Ziel ist zwar nah, doch ein Frühstart vor 7 Uhr soll letzte Eventualitäten ausschalten. Tut er auch.

Nach den letzten Kilometern erreicht das Team am nächsten Morgen die alte Mühle am Ortsrand von Jetrochovice - anderthalb Stunden vorm Zeitlimit. Es sind die Waldläufer, die zu spät eintrudeln. Nicht weil irgendwer schlapp machte. "Wir haben uns verlaufen", räumt Ralf später ein. Als wir an der Hickelhöhe in der Wand hingen, haben wir uns schon gedacht, dass was nicht stimmt. Mit Höhenangst in einer Wand eines über 300 Meter hohen Felsens? "Als es drauf ankam, hab ich gar nicht dran gedacht", sagt Ralf grinsend.

Die letzte Fünf-Kilometer-Etappe folgt dem Flüsschen Kamenice: mal links vom Strom, mal rechts, mal mittendrin - wegen beidseits aufragender Felsen. Der Hosen haben sich alle entledigt, die Wanderstiefel bleiben an. Das sieben Grad kalte Wasser lässt Müdigkeit und Erschöpfung keine Chance. Die bricht erst auf dem Boot durch, mit dem die Gruppe sich das letzte Stück durch die Klamm zum Zielort Hrensko gondeln lässt.

"Sie waren wandern?" fragt eine blonde deutsche Touristin mit Blick auf die durchgewalkte Kleidung. Ein "Hmh" ist die Antwort. Müde Krieger sind maulfaul. Die Ellbogen auf die Beine, das Kinn in die Hände gestützt, senken die meisten den Blick ins Boot, wo ihre Stiefel neben den Stöckelschuhen der Dame triefen. "Wir wandern auch gern, schön in der Natur zu sein, nicht?" fragt die Frau. Diesmal heben drei den Blick, und ein Schmunzeln begleitet ihre Antwort - das Schmunzeln des "Überlebenden": "Hmm."

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